August 11, 2009

Am letzten Tag

Diese letzten Zeilen schreibe ich in einem Internetcafe in Hanoi, der turbulenten vietnamesischen Hauptstadt, wo diese unvergessliche Reise heute Abend endet. Kaum verwunderlich also, dass dieser Eintrag in einem emotionalen Schwebezustand, irgendwo zwischen Vorfreude und Melancholie, entsteht. Problemlos koennte ich noch wesentlich laenger bleiben, und gerade diese letzten ein, zwei Wochen sind wie im Flug vergangen.

Doch kurz zu den Ereignissen der letzten Tage; schliesslich habe ich seit meinem letzten Eintrag aus Sai Gon nichts mehr von mir hoeren lassen.

Das malerische Staedtchen Hoi An, Teil des Weltkulturerbes, hielt tatsaechlich, was mir Reisefuehrer und die Berichte anderer Traveller versprochen hatten: In den engen Gassen reiht sich ein huebsches altes Haus an das naechste, es gibt kunstvoll verzierte chinesische Versammlungshallen zu besuchen, traditionelle Musik- und Tanzvorfuehrungen, einladende Cafes (fuer mich ja immer wichtig) und trotz der zahlreichen Besucher eine entspannte, ruhige Atmosphaere, zumal wenn man wie ich aus dem Trubel Sai Gons anreist. Besonders beeindruckend: Nachts wird Hoi An von unzaehligen bunten Laternen in ein warmes Licht getaucht, in dem es sich wunderbar durch die Gassen schlendern oder in einem der vielen Restaurants lecker Fisch und Meeresfruechte schlemmen laesst. Ohne es zuvor zu wissen, hatte ich ein glueckliches Timing erwischt, fand doch an einem der Abende das allmonatliche Vollmondfestival statt, zu dem auch viele Einheimische aus dem ganzen Land anreisen, um die besondere Stimmung aufzusaugen: Alles versammelt sich in der Altstadt am Fluss, auf dem Kerzen und noch mehr Laternen als sonst schwimmen, es gibt Buehnen mit Tanz und Musik, Abendessen bei Kerzenlicht, verlaengerte Oeffnungszeiten fuer die vielen kleinen Galerien und Laeden. Ueberall duftet es nach Weihrauch, und jede Familie richtet vor ihrem Haus einen kleinen Tisch mit Opfergaben.

Im Bus nach Hue, der alten Kaiserstadt, lernte ich vier Israelis kennen, mit denen ich seitdem die letzten Tage verbrachte. Hue selbst, bekannt fuer seine Zitadelle und die vielen Kaisergraeber in der Umgebung der Stadt, beeindruckte mich eher weniger. Umso spannender war jedoch eine eintaegige Tour in die Demilitarisierte Zone (DMZ), die von einem ehemaligen Kriegsveteran geleitet wurde. Letztes Mal hatte ich bereits von meinem Besuch im Kriegsreliktemuseum in Sai Gon berichtet, wo recht einseitig ueber die amerikanischen Kriegsverbrechen waehrend des Vietnamkriegs informiert wird. Interessant waehrend der Tour durch die DMZ war nun, dass der Veteran als Scout der suedvietnamesischen Armee (und erklaerter Anti-Kommunist) auf Seiten der Amerikaner gekaempft und, kaum verwunderlich, daher eine durchaus abweichende Perspektive der Vergangenheit zu praesentieren hatte. Ganz gleich jedoch, was von seinen Lobreden auf die amerikanische "Verteidigung" Suedvietnams zu halten ist, schilderte er doch sehr eindringlich die "Hoelle der DMZ", wo nur wenige Tausend GIs gegen eine extreme zahlenmaessige Uebermacht der Vietcong die Stellung zu halten suchten. In jenem wohl am staerksten bombardierten Landstrich der Erde besichtigten wir unter anderem eine von Einschussloechern verschiedener Kaliber durchsiebte Kirchenruine, den groessten Nationalfriedhof des Landes mit den schlichten Graebern tausender gefallener Soldaten sowie schliesslich als eindringlichsten Programmpunkt des Tages das kilometerlange, an der Kueste gelegene Tunnelsystem Vinh Moc, das den Vietcong als Lagerstaette diente, auf insgesamt drei Ebenen bis zu 20 Meter unter der Erde alle infrastrukturellen Einrichtungen einer Kleinstadt aufwies und zeitweise mehreren Zehntausend Menschen Zuflucht vor amerikanischen Bombardements bot. Beklemmend, im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht fuer einen Besuch geeignet, wenn man unter Platzangst leidet.

Eine weitere Fahrt im Schlafbus brachte meine israelischen Freunde und mich schliesslich in die Hauptstadt Hanoi, deren ultimatives, aber fuer auslaendische Besucher eher unspektakulaeres Highlight wir uns jedoch erst heute anschauten: Das Mausoleum mit dem einbalsamierten Leichnam des grossen Revolutionsfuehrers und Nationalhelden Ho Chi Minhs. Der Grund fuer die verspaetete Erkundungstour durch diese verrueckt chaotische Stadt: Eine sehr entspannte, zweitaegige Tour auf einem kleinen Boot durch die beruehmte und tatsaechlich wunderschoene Halong Bay mit ihren schroffen Felsformationen. Zum Abschluss der Reise goennte ich mir dort etwas Luxus: Eine sehr ansprechende Kabine auf einem eher besseren Ausflugsboot, lecker Seafood, Schwimmen und Turmspringen vom Oberdeck, ein Kayaktrip zwischen und unter den Felsen hindurch und nachts nur die Stille und der Blick in die Sterne. Die Nacht auf dem Boot in der Halong Bay war zwar nicht ganz billig, aber zweifelsohne ein wuerdiger Abschluss dieser Reise.

Was bleibt? Ein gepackter Rucksack im Gaestehaus. Gleich ein letzte Abschiedstreffen mit den Israelis. Eine letzte Fahrt im oeffentlichen Bus zum Flughafen, ganz sicher ohne Klimaanlage und wahrscheinlich mit nicht funktionierendem Ventilator. Ein kurzer Flug nach Bangkok und eine lange und unbequeme Nacht dort am Flughafen. Ein Flug nach Abu Dhabi und einer nach Frankfurt.

Was bleibt noch? Die Erinnerung an unvergessliche sieben Wochen in Thailand, Laos (mein Highlight!), Kambodscha und schliesslich Vietnam. An spannende Begegnungen mit den Menschen vor Ort und mal kuerzere, mal laengere Bekanntschaften aus aller Welt. Die einzigartige Landschaft im Norden von Laos. Abenteuerliche Bus- und Motorradfahrten. Naechtliche Debatten mit viel zu viel Beerlao und LaoLao0-Whisky. Kulinarische Koestlichkeiten am Strassenrand. Geschichte und Kultur. Das Lachen und Winken der vielen Kinder. Laender in Aufbruchstimmung. Das saftige Gruen der Reisfelder, das mich bis zum Ende faszinierte. Und vieles mehr. Es war gut, diesen Sommer hier verbracht zu haben.

Leidenschaftlich fotografiert habe ich, zum ersten Mal mit einer hochwertigen Kamera. Die Impressionen trage ich auf dem USB-Stick mit nach Hause. Genau 20 Alben sind es geworden - einige eher umfangreich, andere eher kuerzer - die meine Tour durch die Mekong-Region zumindest ansatzweise dokumentieren sollen. Die aktuell hinzugefuegten aus Hoi An, Hue, der Halong Bay und schliesslich Hanoi findet ihr wie alle anderen auch unter http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach.

Irgendwann am spaeten Mittwochabend sollte ich wieder zuhause sein. Ob und wann und wie oft ich diesen Blog weiterfuehren, meine frueheren Eintraege aus La Rochelle, Berlin und Irland wieder ins Netz stellen, das Erscheinungsbild des Blogs aendern, ihn schliessen oder einen neuen eroeffnen werde, weiss ich noch nicht. Darueber mache ich mir Gedanken, wenn ich in ein paar Tagen wieder in der Realitaet angekommen bin.

In der Zwischenzeit freue ich mich darauf, euch wieder zu sehen und zu hoeren, packe hier meine Sachen zusammen, fluechte ein letztes Mal unter die kalte Dusche, verabschiede mich von den Israelis und starte in Richtung Flughafen.

Hanoi, Vietnam, am 11. August 2009

August 01, 2009

Angekommen in Vietnam: Phu Quoc und Sai Gon

Diese Zeilen entstehen in Ho-Chi-Minh-Stadt, der suedvietnamesischen Metropole, die erst seit den 1970er Jahren diesen Namen traegt und noch heute ueberall Sai Gon genannt wird. Wieder einmal liegt mein letzter Eintrag ueber eine Woche zurueck, und ich will euch kurz erzaehlen, was seitdem geschehen ist. Meine Begeisterung fuer Laos hatte wie bereits erwaehnt zur Folge, dass mir fuer Kambodscha und Vietnam zusammen nur rund drei Wochen Reisezeit blieben. Schweren Herzens beschraenkte ich meinen Besuch in Kambodscha daher auf die beiden "Pflichtstops" Siem Reap, wo ich die atemberaubenden Tempel von Angkor besichtigte, und die Hauptstadt Phnom Penh. Insgesamt hielt ich mich also viel zu kurz in dem Land auf, um mir ein umfassendes Bild zu machen. Es bleiben, oberflaechlich und basierend auf nur wenigen Begegnungen, eher gemischte Gefuehle zurueck, die Kambodscha in meiner Erinnerung nicht an Laos herankommen lassen. Trotzdem: Nach den Tempeln von Angkor erlebte ich auch in Phnom Penh einen interessanten Tag, der seine eigenen kleinen Highlights mit sich brachte.

So lernte ich beipielsweise recht schnell, wie man furchtlos einen breiten Boulevard aus franzoesischer Kolonialzeit ueberquert, der von einem unaufhoerlich dahinfliessenden Heer wild hupender und durcheinander manoevrierender Motorradfahrer beherrscht wird. Auf eine Luecke im Chaos wartet man vergeblich und daher am besten gleich gar nicht. Ratsamer ist es, sich langsam aber stetig von Spur zu Spur vorzutasten und ansonsten auf die bemerkenswerten Fahrkuenste der dicht gedraengt vorbeirauschenden Fahrer zu vertrauen, die sich wie im Schlaf und ohne zu bremsen einen Weg um den anfangs von Todesangst gebeutelten Westler bahnen. Das Foto zeigt eine typische, eher harmlose Szene im naechtlichen Phnom Penh, dessen Strassenverkehr mich uebrigens prima auf das noch extremer anmutende Sai Gon vorbereitete.

Schauriger Hoehepunkt meines Aufenthalts in der kambodschanischen Hauptstadt war der Besuch im Voelkermordmuseum Tuol Sleng, dem ehemaligen Foltergefaengnis der Khmer Rouge, wo in den Schreckensjahren Tausende grausam mishandelt wurden, waehrend sie den Tod herbeisehnten. Bei der Befreiung des Gefaengnisses stiessen vietnamesische Truppen auf sieben Ueberlebende; die Khmer Rouge hatten zu dem Zeitpunkt bereits rund zwei Millionen Menschen, rund ein Drittel ihrer eigenen Bevoelkerung, ermordert. Waehrend meines bedrueckenden Rundgangs durch Tuol Sleng habe ich einige Fotos gemacht, die im Album zu Phnom Penh zu sehen sind, genauso wie natuerlich weitere Impressionen aus der kambodschanischen Hauptstadt, wo nach Jahrzehnten voller Krieg und Leid der Aufbruch zu greifen ist und mich die Lebensfreude und der Optimismus der Menschen ansteckten: http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhnomPenh

Inzwischen bin ich also in Vietnam angekommen, dem vierten und letzten Land meiner Reise und wohl auch dem, auf das ich am meisten gespannt war - und noch immer bin. Warum ich mich erst jetzt melde, liegt daran, dass ich gleich nach meiner Ankunft in Sai Gon spontan einen Flug auf die suedvietnamesische Insel Phu Quoc buchte, wo ich es mir vier entspannte Tage lang am Strand gut gehen liess, durch die meterhohen Wellen an der Westkueste tobte sowie im fast stillen Wasser an der Ostkueste planschte, viel las und schlief, Sonnenuntergaenge wie den abgebildeten bewunderte, dreimal taeglich Meeresfruechte schlemmte (morgens schon in der Suppe!) und ein wenig auf dem Motorrad durch die Gegend brauste. Phu Quoc, da war ich mir mit den Travellern der benachbarten Bungalows einig, ist einer jener Orte, die in fuenf Jahren mit Hotelanlagen bebaut und kaum wiederzuerkennen sein werden.

Und Sai Gon selbst? Spannende Stadt im Aufbruch; stinkendes Moloch mit verpesteter Luft, fest in den Haenden der Motorradfahrer; huebsche im Verfall begriffene oder auch liebevoll restaurierte Kolonialarchitektur; Glitzer und Glamour im Backpackerviertel, in dessen Einheitsbars PizzaPastaPancake gegessen, Heineken in Stroemen getrunken und westlichem Mainstream gelauscht wird; anderswo an jeder Strassenecke etwas zu entdecken; kurzum, Reizueberflutung pur, auch wenn ich natuerlich nur einen kleinen Ausschnitt dieser sich staendig in Bewegung befindlichen Metropole zu sehen bekam. Heute Nachmittag besichtigte ich das beruehmteste Museum der Stadt, das Kriegsrelikte-Museum, dessen fruehere Bezeichnung "Museum der amerikanischen und chinesischen Kriegsverbrechen" die Exponate besser beschrieb, angeblich jedoch viele Besucher abschreckte. Was sich allerdings kaum geaendert hat, angesichts der unzaehligen schockierenden Aufnahmen, die Massaker an der Zivilbevoelkerung oder durch Agent Orange verstuemmelte Kinder zeigen. Da bleiben nicht nur die Augen der vielen amerikanischen Touristen kaum trocken, die sich entsetzt mit dieser drastischen (wenn auch einseitigen) Darstellung dieses dunklen Kapitels ihrer Geschichte konfrontiert sehen.

Morgen frueh starte ich meine bislang laengste Busfahrt dieser Reise: Da mir nur noch etwas mehr als eine Woche bleibt, muss ich zwangslaeufig (wenige) Prioritaeten setzten und lege daher auf meiner Reise in den Norden erst in Hoi An den naechsten Stop ein. Was rund 24 Stunden im Bus gleichkommt, allerdings einem angeblich (hoffentlich) komfortablen, der zudem mehrere ausgedehnte Pausen einlegt. Dienstagmorgen sollte ich in dieser "Stadt wie im Freilichtmuseum" (Stefan Loose) ankommen, von der ich schon so viele begeisterte Reiseberichte gehoert habe. Ich bin gespannt.

Zum Schluss wie immer der Verweis auf die neuen Alben zu Phnom Penh (http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhnomPenh), der Insel Phu Quoc (http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhuQuoc) und Sai Gon (http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/SaiGon), die ich angelegt habe. Ausserdem meine Empfehlung fuer zwei Buecher, die ich in den letzten Tagen passend zu Kambodscha und Vietnam verschlungen habe: In "The Gate" beschreibt der Franzose Francois Bizot seine Gefangenschaft in den Haenden der Khmer Rouge und die letzten angespannten Tage vor der Evakuierung in der franzoesischen Botschaft in Phnom Penh. Und "Novel without a Name" von Duong Thu Huong schildert nicht nur eindruecklich die traumatisierenden Kriegserfahrungen und von Sehnsucht durchdringten Kindheitserinnerungen eines jungen Soldaten der nordvietnamesischen Befreiungsarmee, sondern ist darueber hinaus sprachlich wunderbar geschrieben. Soviel aus dem Sueden Vietnams, den ich morgen in aller Fruehe wieder verlassen werde. Vielleicht melde ich mich mal aus Hoi An.