
Diese Zeilen entstehen in Ho-Chi-Minh-Stadt, der suedvietnamesischen Metropole, die erst seit den 1970er Jahren diesen Namen traegt und noch heute ueberall Sai Gon genannt wird. Wieder einmal liegt mein letzter Eintrag ueber eine Woche zurueck, und ich will euch kurz erzaehlen, was seitdem geschehen ist. Meine Begeisterung fuer Laos hatte wie bereits erwaehnt zur Folge, dass mir fuer Kambodscha und Vietnam zusammen nur rund drei Wochen Reisezeit blieben. Schweren Herzens beschraenkte ich meinen Besuch in Kambodscha daher auf die beiden "Pflichtstops" Siem Reap, wo ich die atemberaubenden Tempel von Angkor besichtigte, und die Hauptstadt Phnom Penh. Insgesamt hielt ich mich also viel zu kurz in dem Land auf, um mir ein umfassendes Bild zu machen. Es bleiben, oberflaechlich und basierend auf nur wenigen Begegnungen, eher gemischte Gefuehle zurueck, die Kambodscha in meiner Erinnerung nicht an Laos herankommen lassen. Trotzdem: Nach den Tempeln von Angkor erlebte ich auch in Phnom Penh einen interessanten Tag, der seine eigenen kleinen Highlights mit sich brachte.

So lernte ich beipielsweise recht schnell, wie man furchtlos einen breiten Boulevard aus franzoesischer Kolonialzeit ueberquert, der von einem unaufhoerlich dahinfliessenden Heer wild hupender und durcheinander manoevrierender Motorradfahrer beherrscht wird. Auf eine Luecke im Chaos wartet man vergeblich und daher am besten gleich gar nicht. Ratsamer ist es, sich langsam aber stetig von Spur zu Spur vorzutasten und ansonsten auf die bemerkenswerten Fahrkuenste der dicht gedraengt vorbeirauschenden Fahrer zu vertrauen, die sich wie im Schlaf und ohne zu bremsen einen Weg um den anfangs von Todesangst gebeutelten Westler bahnen. Das Foto zeigt eine typische, eher harmlose Szene im naechtlichen Phnom Penh, dessen Strassenverkehr mich uebrigens prima auf das noch extremer anmutende Sai Gon vorbereitete.

Schauriger Hoehepunkt meines Aufenthalts in der kambodschanischen Hauptstadt war der Besuch im Voelkermordmuseum Tuol Sleng, dem ehemaligen Foltergefaengnis der Khmer Rouge, wo in den Schreckensjahren Tausende grausam mishandelt wurden, waehrend sie den Tod herbeisehnten. Bei der Befreiung des Gefaengnisses stiessen vietnamesische Truppen auf sieben Ueberlebende; die Khmer Rouge hatten zu dem Zeitpunkt bereits rund zwei Millionen Menschen, rund ein Drittel ihrer eigenen Bevoelkerung, ermordert. Waehrend meines bedrueckenden Rundgangs durch Tuol Sleng habe ich einige Fotos gemacht, die im Album zu Phnom Penh zu sehen sind, genauso wie natuerlich weitere Impressionen aus der kambodschanischen Hauptstadt, wo nach Jahrzehnten voller Krieg und Leid der Aufbruch zu greifen ist und mich die Lebensfreude und der Optimismus der Menschen ansteckten:
http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhnomPenh
Inzwischen bin ich also in Vietnam angekommen, dem vierten und letzten Land meiner Reise und wohl auch dem, auf das ich am meisten gespannt war - und noch immer bin. Warum ich mich erst jetzt melde, liegt daran, dass ich gleich nach meiner Ankunft in Sai Gon spontan einen Flug auf die suedvietnamesische Insel Phu Quoc buchte, wo ich es mir vier entspannte Tage lang am Strand gut gehen liess, durch die meterhohen We

llen an der Westkueste tobte sowie im fast stillen Wasser an der Ostkueste planschte, viel las und schlief, Sonnenuntergaenge wie den abgebildeten bewunderte, dreimal taeglich Meeresfruechte schlemmte (morgens schon in der Suppe!) und ein wenig auf dem Motorrad durch die Gegend brauste. Phu Quoc, da war ich mir mit den Travellern der benachbarten Bungalows einig, ist einer jener Orte, die in fuenf Jahren mit Hotelanlagen bebaut und kaum wiederzuerkennen sein werden.

Und Sai Gon selbst? Spannende Stadt im Aufbruch; stinkendes Moloch mit verpesteter Luft, fest in den Haenden der Motorradfahrer; huebsche im Verfall begriffene oder auch liebevoll restaurierte Kolonialarchitektur; Glitzer und Glamour im Backpackerviertel, in dessen Einheitsbars PizzaPastaPancake gegessen, Heineken in Stroemen getrunken und westlichem Mainstream gelauscht wird; anderswo an jeder Strassenecke etwas zu entdecken; kurzum, Reizueberflutung pur, auch wenn ich natuerlich nur einen kleinen Ausschnitt dieser sich staendig in Bewegung befindlichen Metropole zu sehen bekam. Heute Nachmittag besichtigte ich das beruehmteste Museum der Stadt, das Kriegsrelikte-Museum, dessen fruehere Bezeichnung "Museum der amerikanischen und chinesischen Kriegsverbrechen" die Exponate besser beschrieb, angeblich jedoch viele Besucher abschreckte. Was sich allerdings kaum geaendert hat, angesichts der unzaehligen schockierenden Aufnahmen, die Massaker an der Zivilbevoelkerung oder durch Agent Orange verstuemmelte Kinder zeigen. Da bleiben nicht nur die Augen der vielen amerikanischen Touristen kaum trocken, die sich entsetzt mit dieser drastischen (wenn auch einseitigen) Darstellung dieses dunklen Kapitels ihrer Geschichte konfrontiert sehen.
Morgen frueh starte ich meine bislang laengste Busfahrt dieser Reise: Da mir nur noch etwas mehr als eine Woche bleibt, muss ich zwangslaeufig (wenige) Prioritaeten setzten und lege daher auf meiner Reise in den Norden erst in Hoi An den naechsten Stop ein. Was rund 24 Stunden im Bus gleichkommt, allerdings einem angeblich (hoffentlich) komfortablen, der zudem mehrere ausgedehnte Pausen einlegt. Dienstagmorgen sollte ich in dieser "Stadt wie im Freilichtmuseum" (Stefan Loose) ankommen, von der ich schon so viele begeisterte Reiseberichte gehoert habe. Ich bin gespannt.
Zum Schluss wie immer der Verweis auf die neuen Alben zu Phnom Penh (
http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhnomPenh), der Insel Phu Quoc (
http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/PhuQuoc) und Sai Gon (
http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/SaiGon), die ich angelegt habe. Ausserdem meine Empfehlung fuer zwei Buecher, die ich in den letzten Tagen passend zu Kambodscha und Vietnam verschlungen habe: In "The Gate" beschreibt der Franzose Francois Bizot seine Gefangenschaft in den Haenden der Khmer Rouge und die letzten angespannten Tage vor der Evakuierung in der franzoesischen Botschaft in Phnom Penh. Und "Novel without a Name" von Duong Thu Huong schildert nicht nur eindruecklich die traumatisierenden Kriegserfahrungen und von Sehnsucht durchdringten Kindheitserinnerungen eines jungen Soldaten der nordvietnamesischen Befreiungsarmee, sondern ist darueber hinaus sprachlich wunderbar geschrieben. Soviel aus dem Sueden Vietnams, den ich morgen in aller Fruehe wieder verlassen werde. Vielleicht melde ich mich mal aus Hoi An.
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