July 22, 2012

Drei Wochen in Indien

Seit Samstagmittag bin ich zurück in München. Dieses Mal dauerte mein Zwischenstopp in Istanbul nur eine Stunde, was meine Rückreise auf 11 Stunden verkürzt hat. Eigentlich wollte ich mich noch mal aus Delhi melden. Allerdings ist mir am vorletzten Abend dann genau das passiert, was mir in den drei Wochen zuvor erspart geblieben war: Ich habe mir den Magen verdorben und eine unruhige Nacht über der Kloschüssel verbracht.

Wie erwähnt hatte ich am Donnerstag Pallavi zum Essen getroffen, eine indische Arbeitskollegin, die ich letztes Jahr in den USA kennengelernt hatte und die in unserem Office in Gurgaon arbeitet, rund 45 Minunten südlich von Delhi und nicht weit vom Flughafen gelegen. Um die Hektik der Innenstadt zu meiden, hatte ich mich für die letzten beiden Nächte noch mal in ein schönes Hotel in der Nähe des Flughafens einquartiert.

Das Wiedersehen mit Pallavi war sehr schön, nur haben wir eben das falsche Restaurant ausgesucht (oder mein Magen hatte einfach einen schlechten Tag). Zumindest hatte ich mit meiner Hotelbuchung insofern Glück, als ich vom Personal dort sehr fürsorglich mit Tee, Bananen und sogar frischen Blumen versorgt wurde, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass ich mit Magenkrämpfen in meinem Zimmer ausharrte.

Wie dem auch sei, rückblickend habe ich drei bereichernde Wochen in Indien verbracht, die mir Lust auf mehr gemacht haben, zumal ich in der kurzen Zeit ja nur einen Bruchteil erkundet habe. In guter Tradition dieses Blogs zum Schluss spontan noch einige Highlights:

In den vergangenen drei Wochen habe ich ...

... wie wohl die meisten Besucher das weltberühmte Taj Mahal mit offenem Mund bestaunt

... bei Temperaturen weit über 40 Grad in Delhi und Agra Unmgengen von Wasser in mich hineingeschüttet (und wieder verloren)

... mit offenen und neugierigen Menschen viele interessante Gespräche über die indische Regierung, lähmende Korruption, verschiedene Religionen, die Erfolgsaussichten von "Arranged Marriages" gegenüber "Love Marriages", die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich und viele andere Themen geführt

... jede Menge Chai und Lassi getrunken

... in einer luxuriösen Hotel-Suite mit King-Size-Bett und heruntergekommenen Gästehäusern mit steinharten Matratzen (und wahrscheinlich Bettwanzen) geschlafen

... köstliche Speisen mit den Händen gegessen

... den alltäglichen Wahnsinn im indischen Straßenverkehr irgendwann nicht mehr bemerkt

... unzählige E-Mail-Adressen von Travellern aus aller Welt in meinen inzwischen sehr mitgenommenen Reiseführer gekritzelt

... die indische Eisenbahn mit ihren sieben verschiedenen Passagier-Klassen und unzähligen (nicht selten absurden) Berufsbezeichnungen getestet

... laut Google Maps auf meiner Reiseroute rund 1.500 Kilometer auf dem Landweg zurückgelegt (den Rückflug von Leh nach Delhi nicht mitgezählt)

... auf die reizvollen Städte Rajasthans zwangsläufig verzichtet, da es zu dieser Jahreszeit dort einfach zu heiß ist

... im legendären Toy Train rund acht Stunden auf engstem Raum mit verschiedenen indischen Familien zugebracht und dabei wohl mehr über dieses Land erfahren, als andersweitig möglich gewesen wäre

... mich in unzähligen Handys und Digitalkameras von Indern aus allen Teilen des Landes verewigt und dabei meistens die erstaunte Frage beantwortet, warum ich mit 28 Jahren noch unverheiratet bin und alleine reise

... die Hektik in der Metropole Delhi ertragen und die Ruhe im Gebirgsort Naggar genossen

... mich in der "Backpacker Community" oft fremd gefühlt, obwohl ich selbst als Backpacker nach Indien gekommen war

... den zweithöchsten "Highway" der Welt durch die schroffe Schönheit Ladakhs überlebt, durch die wir zwei Tage (immer ab Abrund entlang) geruckelt sind

... mich in Leh angesichts safranfarbener Mönche, bunter Gebetsfahnen, buddhistischer Klöster und leckerer Thukpa und Momos auf den Speisekarten wie in Tibet gefühlt

... meine Trekking-Tour im Himalaya leider schon nach dem ersten Tag abgebrochen, weil mich trotz Akklimatisierung plötzlich die Höhenkrankheit gepackt hat

... nach reiflicher Überlegung und trotz offenbar entspannter Sicherheitslage auf das sagenumwobene Kaschmir-Tal verzichtet und stattdessen länger als geplant in Leh entspannt

... mich vielleicht nicht körperlich erholt, aber durch den Perspektivenwechsel einen neuen Blick auf mein Leben zuhause gewonnen

... gerne (für mich und euch) gebloggt und jede Menge Fotos geschossen

... eine tolle Zeit gehabt, so dass ich irgendwann bestimmt wiederkehren werde in dieses riesige, bunte, liebenswürdige, chaotische Land.

München, 22. Juli 2012

July 17, 2012

Trekking ... und dann AMS

Gestern ist es nicht so gut gelaufen. Eigentlich sollte ich ja gerade einige Stunden entfernt von hier durch die Landschaft Ladakhs trekken. Und so habe ich gestern morgen aus meinem Gaestehaus ausgecheckt, alles Notwendige in den  kleinen Rucksack gepackt, meinen Backpack in der Agentur untergestellt und bin zusammen mit zwei Franzosen und unserem Guide in den Jeep gestiegen.

Ausgangspunkt war eine Besichtigung des Klosters in Likir, anschliessend sind wir bei gleissendem Sonnenschein, moderaten Temperaturen und angenehm frischem Wind in die Pampa hinein marschiert. Die ersten paar Stunden verliefen problemlos, doch ploetzlich hat mich die akute Hoehenkrankheit (Acute Mountain Sickness / AMS) gepackt. Obwohl wir uns zu dem Zeitpunkt auf rund 4.500 Metern ueber Meeresspiegel befanden (und damit immerhin 1.000 Meter oberhalb von Leh), kam die Attacke ueberraschend, hatte ich mich nach vier bis fuenf Tagen in Leh doch ausreichend akklimatisiert gefuehlt. Zudem verlief die Strecke trotz einiger Steigungen insgesamt nicht besonders anspruchsvoll. Getrunken hatte ich auch genug.

Doch leider hat AMS nichts mit koerperlicher Fitness zu tun und wirkt sich bei jedem ganz unterschiedlich aus. So hatte ich zunehmend Kopfschmerzen und Atemnot, fuehlte mich extrem erschoepft und konnte kaum noch weitergehen. Dass wir uns in voelliger Isolation, weit entfernt von jeglichem Mobilfunknetz in einer Art Fels- und Sandwueste befanden, die das Sonnenlicht stark reflektierte, motivierte mich nicht gerade, die Situation cool und nuechtern zu betrachten. Dank des Guides und meinen beiden Kameraden, einem nassen Tuch in der Muetze und vielen Pausen erreichte ich aber schliesslich das abgelegene Dorf, in dem wir die Nacht verbringen sollten. Schnell entschied ich mich allerdings dafuer, den Trek abzubrechen und einen Bewohner des Dorfes dafuer zu bezahlen, mich umgehend nach Leh zurueckzubringen.

Inzwischen bin ich wieder fit und verbringe jetzt eben noch zwei entspannte Tage hier im Ort. Es ist natuerlich schade, dass mir in dieser atemberaubenden Umgebung nicht mehr Trekking vergoennt war, andererseits hatte ich grosses Glueck, dass der Zwischenfalls so glimpflich ausgegangen ist. Umso mehr freue ich mich schon auf das Wiedersehen mit einer indischen Arbeitskollegin in Delhi, die ich letztes Jahr in den USA kennengelernt hatte. Hier die Fotos meiner Trekking-Tour, die sich leider nur ueber einen statt drei Tage erstreckt hat.

July 15, 2012

Tibet in Indien

Ich verbringe den vierten entspannten Tag in Leh, 3.500 Meter ueber dem Meeresspiegel. Inwischen habe ich mich zwar akklimatisiert, trotzdem spuere ich die Hoehe noch immer, wenn ich die steilen Treppen der umliegenden Kloester erklimme oder nachts, wenn ich laenger als zuhause wachliege.

Und doch lasse ich es mir auf dieser letzten Etappe meiner Reise richtig gut gehen. Heute Morgen habe ich entspannt mit einem Deutschen, einem Hollaender und einen Neuseelaender auf dem Balkon gefruehstueckt. Auf dem Tisch standen schwarzer Tee mit Milch, frisch gebackenes Fladenbrot nach Kaschmir-Art und milder Huettenkaese, die wir in einer der verschlungenen Gassen hinter der Moschee fuer ein paar Rupien erstanden hatten, dazu Honig, Aprikosen-Marmelade und getrocknete Apfelringe von dem beliebten Oekoladen um die Ecke, wo man auch auf ein Glas frischen Saft oder Lassi vorbeischauen, gefiltertes Wasser nachfuellen und seine schmutzige Waesche guten Gewissens abgeben kann.

Die wenigen Sehenswuerdigkeiten der Stadt habe ich mir in den letzten Tagen angesehen - darunter einen halb verfallenen Palast am Berghang und eine relativ neue Stupa, die auf einem Huegel gegenueber der Stadt thront und einen fantastischen Ausblick bietet, wenn man nach ueber 500 Stufen keuchend oben angekommen ist. Gestern habe ich mich (zusammen mit gefuehlt 50 Indern) in einen winzigen klapprigen Bus gequetscht und einen Ausflug zum Kloster von Thikse unternommen, einem der architektonisch reizvollsten im Himalaya, das rund 20 Kilometer entfernt auf einem Berg im Indus-Tal erbaut wurde. Die Farbenpracht der diversen Tempel und Gebetshallen dort (sowie in einem kleineren Kloster, wo ich anschliessend einen Abstecher eingelegt habe), sind schwer in Worte zu fassen, deshalb lasse ich lieber die Fotos dieses Tagesausflugs fuer sich sprechen.

Meinen urspruenglichen Plan, via Kaschmir per Bus nach Delhi zurueckzufahren, habe ich uebrigens aufgegeben. Auch wenn Touristen in jener Region in den letzten Jahren nichts mehr passiert ist, kommt es dort immer wieder zu gewalttaetigen Ausschreitungen von Separatisten und Scharmuetzeln zwischen der indischen und pakistanischen Armee. So gerne ich mir das Kaschmir-Tal angesehen haette - es blieb doch ein flaues Bauchgefuehl zurueck, zudem war meine bisherige Route so ambitioniert, dass mir ein paar Tage Entspannung hier im beschaulichen Leh ganz gut tun.

Stichwort "ein paar Tage": Unter den Reisenden hier gehoere ich mit meinen insgesamt drei Wochen in Indien ganz klar zu denjenigen, die (zu) wenig Zeit mitbringen. Viele sind mehrere Monate, wenn nicht sogar weit ueber ein Jahr, in diesem Land unterwegs, bereisen verschiedene Regionen und verbringen jetzt im Sommer alleine mehrere Wochen hier oben in Leh, das als Ausgangspunkt fuer unzaehlige Trekking-Routen durch atemberaubende Landschaften dient. Viele Gespraeche auf der Strasse oder in den Gaestehaeusern drehen sich folglich auch darum, wo man billig ein Zelt kaufen kann, welche Ausruestung fuer einen 6.000er erforderlich ist oder welche Landkarten man dabei haben sollte, wenn man auf eigene Faust loszieht. Und natuerlich gibt es gerade hier viele Hippies und Haengengebliebene, und das Cannabis-Aroma ist gerade abends allgegenwaertig.

An interessanten Begegnungen und angeregten Diskussionen ueber das Reisen, das Leben zuhause oder auch die tibetische Kultur mangelt es mir hier oben bestimmt nicht, obwohl ich mich gerade ueber Tibet zunaechst genauer informieren muesste, um wirklich mitreden zu koennen. Dass die tibetische Kueche ausgesprochen lecker und vielseitig ist, kann ich aber gluecklicherweise auch ohne Vorwissen beurteilen.

Dies wird wohl mein letzter Beitrag aus Leh, da ich ab morgen frueh selbst zu einer kleinen Trekking-Tour aufbrechen werde. Zusammen mit zwei Franzosen und einem Guide werden wir ein Tal in der Umgebung entlangwandern und nachts in sogenannten "Home Stays" bei oertlichen Familien unterkommen. Ich bin froh, dass ich in Anbetracht meines kurzen Aufenthaltes hier zumindest eine kleine Tour auf die Beine stellen konnte, denn die Landschaft von Ladakh, zwischen fruchtbar gruenen Taelern, kargem Wuestengebirge und der Kulisse von schneebedeckten 6.000ern im Hintergrund, ist in der Tat einmalig.

Die kommenden drei Tage werde ich also draussen sein, Donnerstagmorgen fliege ich schliesslich nach Delhi zurueck. Von dort werde ich mich noch mal melden und mich vielleicht schon an ein erstes Fazit dieser Reise wagen. Zum Schluss noch die Fotos aus Leh selbst.

July 12, 2012

500 Kilometer und knapp 30 Stunden auf dem Mond

"Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt."

So noch meine Worte vor einigen Tagen in Naggar. Inzwischen hat es mich erwischt - zwar nicht schlimm, aber ich esse mehr Bananen als sonst (und einige Tabletten) und achte darauf, ein einigermassen passables Klo in der Naehe zu haben. Mittlerweile geht's mir aber schon deutlich besser, nachdem ich mich in meiner ersten Nacht hier in Leh erst einmal ausgeschlafen habe.

Heftige Magenkraempfe haben mich allerdings gestern geplagt, am zweiten Tag auf dem (angeblich) zweithoechsten Highway der Welt, der uns in einem erstaunlich widerstandsfaehigen Bus von Manali nach Leh in der noerdlichsten Provinz Ladakh schleppte. Ich bin also im (ruhigen) Osten der Provinz Jammu und Kashmir angekommen, nicht weit von der Grenze zu Tibet entfernt, und tatsaechlich ist der tibetische Einfluss in diesem huebschen, kleinen, staubigen Gebirgsort allgegenwaertig: Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind, tibetische Moenche (nicht selten mit Sonnenbrille und iPhone) schlendern ueber die Basare, auf vielen Speisekarten stehen Thukpa (Nudelsuppe) und Momos. Ueber Leh werde ich noch etwas ausfuehrlicher schreiben, wenn ich mich angesichts der immer noch 3.500 Hoehenmeter ein wenig akklimatisiert und eines der umliegenden buddhistischen Kloester besucht habe.

Mein Magen hat allerdings wohl kaum wegen des Essen rebelliert als vielmehr wegen der ueber weite Strecken katastrophalen Beschaffenheit des "Highways" und des damit verbundenen Nervenkitzels, der die knapp 500 Kilometer und gut 25 Stunden reine Fahrtzeit begleitet hat. Ihr koennt euch vorstellen, dass wir nicht schlecht gekeucht haben, als wir am spaeten Nachmittag des zweiten Tages endlich den letzten und hoechsten Pass in 5.328m Hoehe erklommen hatten. Spaetestens dort war ich unter den "Patienten" im Bus in guter Gesellschaft. (Nebenbei bemerkt ist Klopapier hier oben unverschaemt teuer.) Die Fotos von der Strecke, die ich aus dem offenen Fenster heraus oder waehrend der Zwischenstopps geschossen habe, verdeutlichen vielleicht, wovon ich spreche, vermitteln aber hoffentlich auch einen Eindruck von der unwirklichen Schoenheit dieser Mondlandschaft, durch die ich zusammen mit Indern, Franzosen, Deutschen, Oesterreichern, Schotten, Australiern und anderen geruckelt bin.

Aufgebrochen waren wir vorgestern Morgen in der Stadt Manali, die ihrem Ruf als touristischem Zentrum des Bundesstaates Himachal Pradesh alle Ehre macht. Viele Inder entfliehen der Hitze Delhis, Rajasthans oder Punjabs und verbringen hier ihre Flitterwochen, und unweit der Bauernhoefe des alten Dorfkerns reihen sich Backpacker- und Internet-Cafes aneinander, auf deren Speisekarten Pizza-Pasta-Pancake leider  allzu oft traditionelle indische Gerichte verdraengen. Interessant: Die mit Abstand haeufigsten Nationalitaeten, die mir dort begegnet sind, waren Israelis und Koreaner. (Offenbar wird Manali in deren Reisefuehrern noch einladender beschrieben als in Lonely Planet und Stefan Loose.) Zwar hatte ich noch insofern Glueck, als ich mich in einem abseits gelegenen Guesthouse mit Balkon einquartiert und dort am Abend ein interessantes Gespraech mit einer Chinesin gefuehrt habe. Doch war ein Tag fuer die Sehenswuerdigkeiten und einen Bummel ueber den Basar dann auch genug. Was mir in Manali vor die Linse gekommen ist, seht ihr hier.

Wie geht's weiter? Ich bin noch etwas unentschlossen. Etwas mehr als eine Woche verbleibt mir, ehe ich irgendwie (d.h. per Bus und Zug oder Flugzeug) nach Delhi zurueckkehren muss. Vielleicht werde ich mehrere Tage hier in Leh entspannen, einige Ausfluege in die naehere Umgebung unternehmen, etwas Trekking machen und schliesslich direkt nach Delhi zurueckfliegen. Andererseits reizt mich die andere der beiden Routen, ueber die Leh auf dem Landweg mit dem restlichen Subkontinent verbunden ist: naemlich die Strecke durch das muslimisch gepraegte Kaschmir-Tal an der Grenze zu Pakistan, via der beiden Staedte Srinagar und Jammu. Aus mehreren Quellen habe ich erfahren, dass Touristen hier seit Mitte der 1990er-Jahre nichts mehr passiert und die Sicherheitslage aktuell entspannt ist. Ein mulmiges Gefuehl bleibt aber, und so muss ich dieses (zurzeit wohl eher geringe) Risiko gegen die unbeschreibliche Schoenheit abwaegen, die man dieser fruchtbaren, gruenen Region nachsagt.

So oder so werde ich mich in den naechsten Tagen noch mal mit einem Update aus Leh melden, dem wohl noerdlichsten Abstecher meiner Reise.

July 08, 2012

Relaxen in Naggar

Entspannter als heute geht eigentlich nicht. Ich melde mich aus Naggar, einem verschlafenen Gebirgsdorf im Kullu-Tal, das frueher offenbar sogar Hauptstadt der Gegend war. Ausserdem hat sich im Jahr 1929 der russische Kuenstler, Schriftsteller, Philosoph, Archaeologe, Forscher und Mystiker Nicholas Roerich hoch oben ueber dem Dorf zur Ruhe gesetzt, was den Ruhm dieser Enklave noch mal gesteigert hat. Dessen Anwesen, in dem sich heute eine Galerie mit einigen seiner Werke befindet, habe ich mir vorhin angesehen. Ansonsten zieren einige winzige Tempel die Landschaft, und das kleine Schloss an einem Steilhang, das als Palast, koloniales Herrenhaus, Gerichtsgebaeude und Schule gedient hat, beherbergt heute ein ziemlich schickes Hotel.


Zu Mittag gab's tibetische Nudelsuppe und Momos (gefuellte Teigtaschen), nachher werde ich mir eine frisch gefangene Forelle goennen, eine Spezialitaet dieser Gegend. Nebenbei habe ich "A Passage to India" von E.M. Forster angefangen, stelle aber fest, dass ich mir hier eher wenig Zeit zum Lesen nehme. Beim Chai kam ich vorhin mit einem israelischen Paar ins Gespraech, die mir von ihrem Leben im Kibbuz erzaehlt haben und deren Fragen zu Deutschland ich so gut wie moeglich beantwortet habe.

Was diesen Ort von den anderen auf meiner Reise abhebt, ist seine Stille. Vom Zwitschern der Voegel abgesehen ist es hier fast totenstill, und selbst gehupt wird nur selten. Nach dem Trubel von Delhi und den vielen Touristen in Agra und Shimla geniesse ich das sehr. Die frueheren Bewohner werden schon gewusst haben, warum sie hier so viele Tempel errichtet haben. Diese daf man auch als Nicht-Hindu besuchen, nachdem man seine Schuhe draussen gelassen hat; nur manchmal ist das innere Heiligtum tabu. Fuer eine kleine Spende hat mir ein steinalter Guru vorhin sogar ein paar Rosinen geschenkt, die ich voller Vertrauen sogleich verputzt habe. Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt. Trotzdem tun mir all jene (westlichen) Reisenden leid, die hier nur zu PPP (Pizza, Pasta, Pancake) greifen.

Ihr seht, es gibt nicht viel Aufregendes zu berichten, und doch (oder gerade deshalb) bin ich froh, diesen kleinen Abstecher auf der Strecke zwischen Shimla und Manali hier eingelegt zu haben. Morgen frueh werde ich meine gemuetliche Mountain Lodge zuruecklassen und (mit frisch gewaschenen Klamotten) weiterziehen. Je nachdem, wie leicht ich in Manali einige andere Reisende fuer einen gemeinsamen Jeep begeistern kann, werde ich dann in den naechsten Tagen aufbrechen zu einer Zwei-Tages-Tour ueber den zweithoechsten Highway der Welt, von Manali nach Leh in der Region Ladakh.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich in diesem Land. Dieser tritt ueberall zu Tage, vor aber in den (von wohlhabenden Indern in Beschlag genommenen) Ferienorten hier in den Bergen. In vielen Gespraechen habe ich gelernt, dass die Schere zwischen neureicher Oberschicht und den Habenichtsen auf der Strasse immer weiter auseinandergeht. Vor diesem Hintergrund aeussern sich viele Inder enttaeuscht von der aktuellen Regierung, die doch von dem allseits als Wirtschaftsexperten anerkannten Manmohan Singh geleitet wird. Wenn ich nach den Ursachen frage, erhalte ich immer aehnliche Antworten - naemlich die florierende Korruption, aber auch den unvorstellbar schwierigen Drahtseilakt, ein Land mit unzaehligen Religionen, Sprachen und Kulturen auf demokratische Weise voranzubringen.

Die Forelle wartet, und vielleicht bekomme ich in dem kleinen Laden nebenan ja sogar ein, zwei Flaschen Kingfisher fuer einen entspannten Abend nachher auf dem Balkon. Hier die Fotos aus Naggar.