February 20, 2007

Savoir vivre

Vieux Port


Ein erstes Lebenszeichen. Seit nunmehr gut einer Woche weile ich an der französischen Atlantikküste, im gleichsam malerisch schönen und studentisch bunten La Rochelle. Und so setze ich meine Sonnenbrille auf, nehme noch einen kleinen Schluck vom kühlen Weißwein, lehne mich zurück und lausche, von der Terasse meiner kleinen Brasserie aus, dem sonntäglich vergnügten Treiben auf der Flaniermeile des alten Hafens - und nehme Euch ein wenig mit.

Meine Gastfamilie

Untergekommen bin ich bei einem älteren Ehepaar, das mich von Anfang an herzlich in den Kreis der Familie aufgenommen hat. Lucette und Bernard, wohl situiert und reich auch an Lebenserfahrung, bewohnen ein prächtiges Haus in einem verschwiegenen Viertel, nicht weit der alten Stadtmauer und kaum fünf Fahrradminuten vom Stadtkern gelegen. In der Nähe gibt es einen kleinen Park und einen Fluss, entlang dessen ich an den Wochenenden laufen gehe. Von meinem kleinen Zimmer aus blicke ich in den sich weit erstreckenden Garten, die aufgehende Sonne spiegelt sich in einem von natürlichem Stein umrandeten Swimmingpool. Wenn es doch schon Sommer wäre …
Seit mehr als 40 Jahren verheiratet und offensichtlich verliebt wie am ersten Tag, erfreuen sich meine Gasteltern nicht nur an ihren beiden nahe der Stadt lebenden kleinen Enkelinnen, sondern beherbergen seit zehn Jahren regelmäßig Gastschüler aus aller Welt. Gesellschaft hatte ich in dieser ersten Woche durch Paulina, einer temperamentvollen und quirrligen Mexikanerin, die erstmals vor sieben Jahren (!!) einige Wochen hier im Haus verbrachte und seitdem eine enge Freundschaft mit meinen Gasteltern verbindet. Leider ist sie heute früh zurück nach New York geflogen. Außerdem gibt es da noch Filipe, einen sympathischen Brasilianer, mit dessen lateinamerikanischen Freunden ich in den letzten Tagen immer wieder um die Häuser gezogen bin. Dazu später mehr. Was das Leben in der Familie betrifft, vor allem die gemeinsamen Abendessen, trifft ein geflügeltes Wort zu, das wir typischerweise mit Frankreich und den Franzosen in Verbindung bringen: Savoir vivre. Denn genau das erlebe ich hier jeden Abend. Gegen 20 Uhr beginnt Lucette in der Küche zu zaubern, eine halbe Stunde später versammeln sich alle bei Tisch und genießen nicht nur das Ergebnis ihrer sagenhaften Kochkunst, sondern auch einige Gläser Rotwein aus dem hauseigenen Weinkeller. Begleitet von nie enden wollenden Gesprächen über Filipes und meine eigenen nächtlichen Abenteuer, persönliche Schicksale, Erlebnisse und Erfahrungen und, natürlich, les secrèts de l’amour, verbringen wir mehrere Stunden zusammen, lachen, reden, essen Käse, trinken Wein. Lucette erzählt dann von früheren Gastschülern – manche bleiben mehrere Monate – die in La Rochelle ihr Herz verloren und die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Ich fühle mich wohl hier, und die beiden genießen ganz offensichtlich den frischen Geist, den Paulina, Filipe und mich ins Haus bringen. Am Wochenende werden gleich drei Italiener den Haushalt erweitern. Ich bin gespannt.


Am Abend

So körperlich und geistig gestärkt, und trotz der wohligen Stimmung am Tisch oder später am Kamin, werfen Filipe und ich uns am späten Abend zumeist dann doch noch in Schale, holen unsere Fahrräder aus dem Schuppen und machen uns auf ins alte Stadtzentrum. Die vereinbarte Zeit schaffen wir nie, aber das macht nichts, sind wir doch ohnehin mit Latinos (und Latinas) verabredet, die alle ein wenig später eintrudeln. Deutsche gibt es in dieser Gruppe außer mir keine. Schon erstaunlich, und irgendwie schade, wie schwer es vielen meiner Landsleute fällt, ihre Gruppe und Nationalität einmal außen vor und sich vollständig auf einen Abend einzulassen, an dem tatsächlich nur Französisch (oder vielleicht mal zwei, drei Sätze Englisch) gesprochen wird. Mir soll’s Recht sein, bin ich doch ohnehin nicht nach La Rochelle gekommen, um von Deutschen umgeben zu sein. Nein, hier zwischen den hübschen kleinen Yachten sitze ich umgeben von ein paar Schweizern und einer Taiwanesin, einem Japaner, und ansonsten vielen Equadorianern und Kolumbianern, Mexikanern und insbesondere Brasilianern. Jeweils natürlich auch weiblichen Geschlechts, versteht sich von selbst, und das ist schön, denn abgeneigt war ich den Lateinamerikanerinnen ja bekanntlich noch nie … Wenn wir nicht die Nacht hindurch, mit Bier oder Wein, im alten Hafen Mentalitäten und Kulturen kennenlernen, Freundschaften schließen, Spaß haben, die Sterne betrachten, dann ziehen wir zuweilen gemeinsam los in eine der vielen kleinen Tanzbars, Pubs oder Discos. Der Alkohol verflüchtigt sich spätestens während der frühmorgendlichen Heimfahrt durch die ausgestorbenen Gassen der Stadt von selbst und glücklich fallen wir ins Bett.


Die Schule

Eurocentres ist nicht weit vom Stadtzentrum beinahe direkt an der Küste gelegen. Die Schule ist modern, hübsch und klein. Im Aufenthaltsraum werden kurz vor der ersten Stunde noch Eindrücke des vergangenen Abends ausgetauscht. Der Unterricht – ich bin zu meiner Überraschung in die Klasse mit dem höchsten Niveau eingestuft worden – ist abwechslungsreich und trägt merkbar Früchte. Ohnehin spreche ich kaum Deutsch, ignoriere die Deutschen, zumindest die der durchweg auf Französisch stattfindenden Konversation abgeneigten, wie angesprochen soweit als möglich. Nach dem Unterricht warten allerlei Aktivitäten: gemeinsame Filmvorführungen, ein Kochkurs, eine Revue de Presse, in der aktuelle Tagespolitik debattiert wird, allem voran natürlich die bevorstehende Election Présidentielle. Zugegeben, Ségolène Royal mag zwar Sozialistin sein, sieht mit ihren gut 50 Jahren aber verdammt gut aus ... Am Freitag werde ich an einer Weinprobe teilnehmen. Nachdem ich letzte Woche keinen Platz mehr ergattern konnte, freue ich mich umso mehr. Kurzum, es wird viel geboten, und ich bin sehr froh über die Chance, hier sein zu können.

Und sonst …

Morgen früh werde ich in den TGV steigen, gegen Mittag komme ich in Bonn an. Dort steht mein Auswahlgespräch für das Stipendium des DAAD bevor, das ich mir für mein Studium am Trinity College Dublin erhoffe. Die Nacht werde ich in der Jugendherberge verbringen, Donnerstagmorgen fahre ich für meine letzten 1,5 Wochen zurück nach La Rochelle. So richtig eintauchen in die Kultur dieser Stadt und die umliegende Natur werde ich wohl erst nach meiner Rückkehr, verbrachte ich doch in den letzten Tagen die eine oder andere freie Stunde mit der Lektüre irischer Zeitung oder der Recherche auf den Seiten des TCD. Noch verspüre ich keine Nervosität, sondern blicke dem Gespräch vielmehr gelassen und optimistisch entgegen. Keine Frage jedoch, dass ich trotz einiger Erfahrung mit Vorstellungsgesprächen schon gespannt bin, was mich dort erwartet und wie meine Chancen für das Stipendium stehen. Ganz gleich wie’s ausgeht: Drückt mir morgen am späten Nachmittag die Daumen!

Donc, je m’arrête ici. La prochaine fois, je vous raconterai und peu plus de cette ville magnifique, avec son vieux port et son esprit vivant. En plus, vous entendriez du temps bizarre, se changeant sans cesse, impossible à prévoir. Je parlerai du poème que j’ai écrit pour une Latine gracieuse et, peut-être, je vous rencontrerai encore une fois dans ma petite brasserie, le soleil brillant, au vieux ports.

A bientôt.

Vieux Port

Morgendlicher Blick in den Garten

No comments:

Post a Comment