Vielleicht war heute der schönste Tag meiner Reise - aber der Reihe nach, schließlich habe ich seit Sonntagmorgen nichts mehr geschrieben:
Am Morgen nach dem Schneesturm (und seitdem jeden Tag!) schien die Sonne an einem makellos blauen Himmel. Nachdem ich den Blog aktualisiert und mich vergewissert hatte, dass das Auto nicht völlig eingeschneit war, unternahm ich einen zweiten Ausflug in die Innenstadt von Portsmouth, New Hampshire. Auch Portsmouth ist eine hübsche kleine Küstenstadt mit viel Fischerei-Tradition. Wie schon in den vergangenen Tagen begegnete ich auf den Straßen fast keinen Touristen, was mich verblüffte. In einem Café erklärte man mir, dass es für den Indian-Summer-Tourismus schon zu spät sei und um diese Jahreszeit eine Flaute herrsche, ehe über Thanksgiving (Erntedank) wieder mehr Betrieb herrsche. Über meinen Stadtbummel in Portsmouth gibt es ansonsten nicht viel zu berichten. Wie so oft besuchte ich ein Café, trank einen Cappuccino, dann noch einen, las eine Zeitung und wechselte ein paar Worte mit der Bedienung.
Ein Highlight der feucht-fröhlichen Art stellte am Nachmittag mein Besuch in der Red Hook Brewery dar, wo ich für einen Dollar an einer unterhaltsamen Führung teilnahm. Nebenbei sei bemerkt, dass diese Region der USA bekannt ist für ihre vielen kleinen Brauereien (Microbreweries), in denen in begrenztem Umfang leckeres Bier hergestellt und in den ansässigen Bars und Restaurants stolz ausgeschenkt wird. (Dass amerikanisches Bier lecker sein kann, habe ich in den letzten Tagen selbst mehrfach erfolgreich getestet.) Aber zurück zur Führung durch die Red Hook Brewery: Jene wurde von einem Urgestein der Brauerei (siehe Foto) bewusst eher kurz gehalten, um möglichst schnell zur Verkostung übergehen zu können. (Dass er selbst diese Führung mehrmals am Tag anbietet und bei der Verkostung bestimmt gerne selbst zugreift, deutet dieses Video an.) Impressionen aus Portsmouth und der Brauerei findet ihr in den Fotos aus New Hampshire.
Wie fahrtüchtig ich nach fünf bis sechs verschiedenen Biersorten noch war, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zog es mich von New Hampshire aus weiter entlang der Küste nach Maine, in den nordöstlichsten Bundesstaat der USA. Je länger ich unterwegs war, desto seltener die Geschäfte und Tankstellen am Straßenrand - und desto schöner die Natur. In New York und Boston hatten sie von Maine geschwärmt, ohne jemals selbst dort gewesen zu sein. Tatsächlich wurde Maine seinem Ruf gerecht, und ich genoss die Fahrt nach Portland sehr (siehe auch meine Route am Sonntag). In Portland hätte ich gerne länger als nur einen Tag verweilt, handelt es sich doch um eine Stadt nach meinem Geschmack: Leuchtend roter Backstein im alten Hafenviertel, Kopfsteinpflaster, alternative Cafés, leckere Seafood-Restaurants, dazu das Geschrei der Möwen, an- und ablegende Fischerbote. Eine Besonderheit dieser Etappe darf nicht unerwähnt bleiben: die Unterkunft. Ich verbrachte die Nacht nämlich in einem nach außen zwar unscheinbaren Hotel, dessen Zimmer, Flure und Lobby aber einen viktorianischen Charme innehatten, wie ich ihn selten irgendwo erlebt habe. Aber seht am besten selbst nach in den Fotos aus Maine.
Wie gerne wäre ich der Küste noch weiter in Richtung Norden gefolgt! Doch leider geht mir langsam die Zeit aus, so dass ich gestern einen Highway nach Westen wählte und nach New Hampshire zurückkehrte (siehe Route am Montag). Die Nacht verbrachte ich in Conway, einem winzigen Nest, wo sich das einzige Hostel des gesamten Bundesstaates befindet. (Nebenbei bemerkt zeigt sich daran auch, dass es in New England keine Infrastruktur für Backpacker gibt und ein Urlaub hier schnell teuer werden kann.)
Ankunft nach Sonnenuntergang in Conway - eine eiskalte Nacht, ein uraltes Hostel, kein Gast außer mir, eine sympathische, aber auch leicht verwirrte Gastgeberin von rund 80 Jahren und ... genau: Halloween! Höchste Zeit, dass ich über diese große amerikanische Tradition ein paar Worte verliere - oder zumindest meine persönliche Halloween-Geschichte 2011 erzähle. Denn eine verrücktere Atmosphäre als die gestern Abend kann ich mir dafür nicht vorstellen. Als ich das Hostel erreichte und an ein verrammeltes Fenster klopfte, empfing mich die Gastgeberin in Nachthemd und Socken, das graue Haar in zwei Zöpfen zusammengebunden, das halbe Gesicht bereits mit weißer Leuchtschminke bedeckt. Gerade hatte sie einen Teller mit frisch zubereitetem Rührei und Toast auf den Tisch gestellt, dazu ein Bier geöffnet. Nicht jedoch für sich selbst, sondern für die Toten, wie sie mir geheimnisvoll erläuterte. Im Flur hatte sie in einer großen Schüssel unzählige Bündel mit Süßigkeiten für die Kinder vorbereitet, die sie jeden Moment an der Tür erwartete und die dann auch zu später Stunde in immer größerer Zahl etwas verängstigt die Stufen zur Verranda erklommen. Ich richtete mich in meinem kalten, etwas schmutzigen Zimmer mit Doppelbetten für sechs Personen ein. Im Wohnzimmer gab es sogar Internet, aber ans Bloggen war nicht zu denken, weil sich die Stimme meiner Gastgeberin vor Vorfreude fast überschlug und aus dem Fernseher in Einstimmung auf die Nacht ein schlechter Horrorfilm plärrte.
Trotzdem werde ich auch gestern Abend in guter Erinnerung behalten, was auch mit dem köstlichen mexikanischen Abendessen zusammenhängt, das ich mir im Café Noche einige Straßenecken weiter gönnte, zusammen mit einem weiteren lokalen Bier und der wohl besten Margarita, die ich je gekostet habe (ich war allerdings noch nie in Mexiko). Den Rest des Abends verbrachte ich in einem Club am Highway, der mir als einziger Ort in der Region empfohlen worden war, wo man nach 22 Uhr noch Spaß haben könne. Dort spielte ich einige Runden Billard, erörterte mit dem Barkeeper die ästhetischen Unterschiede zwischen den amerikanischen Sportarten, tanzte ein wenig und unterhielt mich lange (und mehr oder weniger gut) mit einer allein erziehenden Zeugin Jehovas, die ihre Söhne zuhause unterrichtet hat und mich (trotzdem) fragte, ob wir in Deutschland Radio und eine Armee hätten.
Was mich schließlich zum Tag heute und meiner Wanderung durch die White Mountains entlang des Kancamagus Highway bringt. Dieser einsame Highway bot sich rund 30 Meilen lang dicht gesäumt von roten und gelben und braunen Bäumen dar, die in der Sonne so stark leuchteten, dass es mir fast unwirklich erschien. Außerdem begegnete ich so wenigen Autos, dass ich mich mehrmals fragte, ob der Highway nicht vielleicht gesperrt sei und ich ein entsprechendes Schild übersehen hatte. Ich hatte mir einen moderaten bis anspruchsvollen Rundweg ausgesucht, mit einem Gipfel ungefähr auf halber Strecke. Anders als auf früheren Reisen nach Kanada und Südostasien war ich dieses Mal weniger gut für eine Wanderung ausgerüstet, doch irgendwie kämpfte ich mich auch in Laufschuhen durch den Schnee und erreichte schließlich den Gipfel, wo neben einigen Fotos auch dieses Video entstand. Warum dieser Tag so besonders war? Weil ich ein Gefühl von Freiheit wahrscheinlich nicht viel intensiver erleben kann als alleine irgendwo in den Wäldern von New England oder bei einem Bier auf dem Gipfel, mit herrlichem Ausblick, unter strahlend blauem Himmel, nach vier Stunden Anstieg ohne einen Elch (Pech!) oder einen Bären (Glück!) getroffen zu haben, meilenweit von jeglicher Zivilisation entfernt. Das war ein schöner Tag, den ich soweit möglich in einigen Fotos aus New Hampshire II festgehalten habe.
Heute Abend erreichte ich schließlich Vermont, den letzten Bundesstaat meiner Reise, bevor ich am Donnerstag die Grenze nach Kanada überqueren und in der Innenstadt von Montreal mein letztes Quartier beziehen werde (siehe Route am Dienstag). Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass dies auch eine kulinarische Reise für mich ist (wie immer eigentlich). Deshalb kann es auch kaum verwundern, dass ich nach meiner Ankunft erst einmal ein gemütliches Restaurant aufgesucht habe (siehe Foto). Morgen früh werde ich die Sugarbush Farm besuchen, wo vor allem Käse und Ahornsirup hergestellt (und Besuchern zum Probieren angeboten!) werden. Wie und wo genau ich die restlichen anderthalb Tage auf meinem Weg in Richtung Grenze verbringen werde, bleibt noch offen.
Hi Chris!
ReplyDeleteBei diesem Eintrag haben mich neben deinen Erzählungen vor allem die beiden letzten Videos beeindruckt:
1. Maine: Diese atemberaubende Fahrt über den Highway...der Zuschauer wartet gebannt auf die Verfolgungsjagd, die sich gleich ein Gangsterwagen mit den Cops liefern wird...und dann: Christoph mit zufriedenem Lächeln und Porno-Brille! Klasse!
2. New Hampshire: Windgeräusche wie im Lanzarote-Urlaub und Chris erneut mit schicker Porno-Brille: Wo bleibt der Bär?
Liebe Grüße aus dem spätsommerlichen Freiburg!
Hallo Christoph,
ReplyDeletewenn ich Deine Reiseberichte so lese,kommt es mir vor, als wäre ich selbst dabei gewesen, so lebendig und eindrücklich. Es ist halt doch ein kleiner Schriftsteller in Dir. Bis bald aus dem sehr milden herbstlichen Bühl - auch hier fallen die Blätter - aber kein Schnee, Dein Dad.