July 12, 2012

500 Kilometer und knapp 30 Stunden auf dem Mond

"Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt."

So noch meine Worte vor einigen Tagen in Naggar. Inzwischen hat es mich erwischt - zwar nicht schlimm, aber ich esse mehr Bananen als sonst (und einige Tabletten) und achte darauf, ein einigermassen passables Klo in der Naehe zu haben. Mittlerweile geht's mir aber schon deutlich besser, nachdem ich mich in meiner ersten Nacht hier in Leh erst einmal ausgeschlafen habe.

Heftige Magenkraempfe haben mich allerdings gestern geplagt, am zweiten Tag auf dem (angeblich) zweithoechsten Highway der Welt, der uns in einem erstaunlich widerstandsfaehigen Bus von Manali nach Leh in der noerdlichsten Provinz Ladakh schleppte. Ich bin also im (ruhigen) Osten der Provinz Jammu und Kashmir angekommen, nicht weit von der Grenze zu Tibet entfernt, und tatsaechlich ist der tibetische Einfluss in diesem huebschen, kleinen, staubigen Gebirgsort allgegenwaertig: Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind, tibetische Moenche (nicht selten mit Sonnenbrille und iPhone) schlendern ueber die Basare, auf vielen Speisekarten stehen Thukpa (Nudelsuppe) und Momos. Ueber Leh werde ich noch etwas ausfuehrlicher schreiben, wenn ich mich angesichts der immer noch 3.500 Hoehenmeter ein wenig akklimatisiert und eines der umliegenden buddhistischen Kloester besucht habe.

Mein Magen hat allerdings wohl kaum wegen des Essen rebelliert als vielmehr wegen der ueber weite Strecken katastrophalen Beschaffenheit des "Highways" und des damit verbundenen Nervenkitzels, der die knapp 500 Kilometer und gut 25 Stunden reine Fahrtzeit begleitet hat. Ihr koennt euch vorstellen, dass wir nicht schlecht gekeucht haben, als wir am spaeten Nachmittag des zweiten Tages endlich den letzten und hoechsten Pass in 5.328m Hoehe erklommen hatten. Spaetestens dort war ich unter den "Patienten" im Bus in guter Gesellschaft. (Nebenbei bemerkt ist Klopapier hier oben unverschaemt teuer.) Die Fotos von der Strecke, die ich aus dem offenen Fenster heraus oder waehrend der Zwischenstopps geschossen habe, verdeutlichen vielleicht, wovon ich spreche, vermitteln aber hoffentlich auch einen Eindruck von der unwirklichen Schoenheit dieser Mondlandschaft, durch die ich zusammen mit Indern, Franzosen, Deutschen, Oesterreichern, Schotten, Australiern und anderen geruckelt bin.

Aufgebrochen waren wir vorgestern Morgen in der Stadt Manali, die ihrem Ruf als touristischem Zentrum des Bundesstaates Himachal Pradesh alle Ehre macht. Viele Inder entfliehen der Hitze Delhis, Rajasthans oder Punjabs und verbringen hier ihre Flitterwochen, und unweit der Bauernhoefe des alten Dorfkerns reihen sich Backpacker- und Internet-Cafes aneinander, auf deren Speisekarten Pizza-Pasta-Pancake leider  allzu oft traditionelle indische Gerichte verdraengen. Interessant: Die mit Abstand haeufigsten Nationalitaeten, die mir dort begegnet sind, waren Israelis und Koreaner. (Offenbar wird Manali in deren Reisefuehrern noch einladender beschrieben als in Lonely Planet und Stefan Loose.) Zwar hatte ich noch insofern Glueck, als ich mich in einem abseits gelegenen Guesthouse mit Balkon einquartiert und dort am Abend ein interessantes Gespraech mit einer Chinesin gefuehrt habe. Doch war ein Tag fuer die Sehenswuerdigkeiten und einen Bummel ueber den Basar dann auch genug. Was mir in Manali vor die Linse gekommen ist, seht ihr hier.

Wie geht's weiter? Ich bin noch etwas unentschlossen. Etwas mehr als eine Woche verbleibt mir, ehe ich irgendwie (d.h. per Bus und Zug oder Flugzeug) nach Delhi zurueckkehren muss. Vielleicht werde ich mehrere Tage hier in Leh entspannen, einige Ausfluege in die naehere Umgebung unternehmen, etwas Trekking machen und schliesslich direkt nach Delhi zurueckfliegen. Andererseits reizt mich die andere der beiden Routen, ueber die Leh auf dem Landweg mit dem restlichen Subkontinent verbunden ist: naemlich die Strecke durch das muslimisch gepraegte Kaschmir-Tal an der Grenze zu Pakistan, via der beiden Staedte Srinagar und Jammu. Aus mehreren Quellen habe ich erfahren, dass Touristen hier seit Mitte der 1990er-Jahre nichts mehr passiert und die Sicherheitslage aktuell entspannt ist. Ein mulmiges Gefuehl bleibt aber, und so muss ich dieses (zurzeit wohl eher geringe) Risiko gegen die unbeschreibliche Schoenheit abwaegen, die man dieser fruchtbaren, gruenen Region nachsagt.

So oder so werde ich mich in den naechsten Tagen noch mal mit einem Update aus Leh melden, dem wohl noerdlichsten Abstecher meiner Reise.

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