July 04, 2012

Sommerhitze in Delhi



Dass mich Delhi im Juli heiss empfangen wuerde, hatte ich erwartet, aber auf solch unbarmherzige Temperaturen jenseits der 40 Grad war ich nicht gefasst. Duschen hilft einige Minuten, wenn ich mich nass unter den Ventilator oder vor die Klimaanlage stelle (falls es im Zimmer denn eine gibt). Ansonsten brennt die Sonne durch den Smog, der dickfluessig ueber der Stadt wabert, und laesst die vielen Gerueche (Garkuechen, Chai, Gewuerze und Fruechte ebenso wie Abgase, Menschen, Abfall und Urin) noch intensiver erscheinen. T-Shirt und Hose kleben am Koerper, Sonnenbrille und Kamera sind verschmiert, die Muetze durchweicht. Wasser in Flaschen gibt es an jeder Ecke, ich habe laengst aufgehoert, die Liter zu zaehlen. Wahrscheinlich komme ich im Vergleich zu anderen noch ganz gut mit Extremtemperaturen klar, doch selbst viele Inder erzaehlen mir, dass dies der heisseste Sommer seit Jahren sei. Die Regenzeit verspaetet sich auch.

Dass sich dieser Ueberlebenskampf auf meine Lust am Sightseeing auswirkt, ist unvermeidbar, und es waere gelogen, wuerde ich etwas anderes behaupten. Wie die meisten anderen Reisenden werde ich meine Route so schnell wie moeglich nach Norden ausrichten und auf (ansonsten sicher reizvolle) Staedte Rajasthans wie Jaipur und Udaipur notgedrungen verzichten. Denn dort ist es noch heisser als in der Hauptstadt. Stattdessen werde ich morgen in den fruehen Morgenstunden einen Zug nach Kalka im Bundesstaat Haryana nehmen und am Tag danach von dort aus mit dem legendaeren Toy Train weiterreisen nach Shimla im Bundesstaat Himachal Pradesh. Ob ich anschliessend dem Dalai Lama in seinem Exil in Dharamsala einen Besuch abstatten werde, oder wohin es mich im hohen Norden sonst noch verschlaegt, wird sich zeigen. Kuehler ist es dort oben auf jeden Fall.

Trotzdem habe ich mich seit meiner Ankunft am fruehen Sonntagmorgen nicht in klimatisierten Hostel-Zimmern versteckt, sondern die verschiedenen Viertel Delhis ausgiebig per Auto-Rikscha, zu Fuss oder sogar mithilfe der vergleichsweise modernen Metro erkundet. Zum Verkehr, zumal dem Zugfahren, schreibe ich ein anderes Mal mehr, aber was das Chaos (sprich: den alltaeglichen Wahnsinn) auf den Strassen angeht, so steht Delhi anderen asiatischen Metropolen wie Bangkok, Saigon oder Hanoi hier in nichts nach: Autos, Busse, Auto- und Fahrrad-Rikschas kreuzen ohne erkennbare Regeln nach Herzenslust und unter lautem Gehupe, Inder mit Obstkarren werden genauso wie Reisende mit Backpack und vereinzelten Kuehen elegant umkurvt.

Die vermeintlichen Sightseeing-Klassiker, wie das Rote Fort oder die Jama Masjid, immerhin die groesste Moschee Indiens und eine der groessten der Welt, haben mich optisch eher enttaeuscht, gerade im Vergleich zu frueheren Reisen. Umso herzlicher verlaufen indes die meisten Begegnungen mit den Menschen, die ich als neugierig und offen erlebe. Sich vor Schleppern und Strassenhaendlern zu befreien, ohne dabei unhoeflich aufzutreten, war mir in Suedostasien darueber hinaus oft schwerer gefallen.

Gestern Nachmittag habe ich einen Zug nach Agra genommen, wo ich mir heute das Taj Mahal ansehen werde. Vielleicht bleibe ich bis zum Sonnenuntergang, um die Farbenpracht auf der Fassade des Mausoleums zu betrachten. Meinen urspruenglichen Plan, den kurzen Fussweg vom Hostel zum westlichen Tor schon vor dem Sonnenaufgang gegen 5:30 Uhr zurueckzulegen, musste ich allerdings aufgeben, nachdem ich mich in meinem Zimmer ohne Klimaanlage bis 2 Uhr morgens schlaflos hin- und hergedreht hatte und schliesslich bei zwei deutschen Maedels (mit Klimaanlage) um Unterschlupf bitten musste, um ueberhaupt noch ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Von meinen Eindruecken am Taj Mahal werde ich naechstes Mal berichten, dann wahrscheinlich schon aus dem hohen Norden. Einen Upload all meiner Fotos aus Delhi laesst dieser Schuppen (sprich: Internetcafe) im Gassengewirr von Agra nicht zu, deshalb reiche ich sie beim naechsten Mal nach. Namaste!

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