Entspannter als heute geht eigentlich nicht. Ich melde mich aus Naggar, einem verschlafenen Gebirgsdorf im Kullu-Tal, das frueher offenbar sogar Hauptstadt der Gegend war. Ausserdem hat sich im Jahr 1929 der russische Kuenstler, Schriftsteller, Philosoph, Archaeologe, Forscher und Mystiker Nicholas Roerich hoch oben ueber dem Dorf zur Ruhe gesetzt, was den Ruhm dieser Enklave noch mal gesteigert hat. Dessen Anwesen, in dem sich heute eine Galerie mit einigen seiner Werke befindet, habe ich mir vorhin angesehen. Ansonsten zieren einige winzige Tempel die Landschaft, und das kleine Schloss an einem Steilhang, das als Palast, koloniales Herrenhaus, Gerichtsgebaeude und Schule gedient hat, beherbergt heute ein ziemlich schickes Hotel.
Zu Mittag gab's tibetische Nudelsuppe und Momos (gefuellte Teigtaschen), nachher werde ich mir eine frisch gefangene Forelle goennen, eine Spezialitaet dieser Gegend. Nebenbei habe ich "A Passage to India" von E.M. Forster angefangen, stelle aber fest, dass ich mir hier eher wenig Zeit zum Lesen nehme. Beim Chai kam ich vorhin mit einem israelischen Paar ins Gespraech, die mir von ihrem Leben im Kibbuz erzaehlt haben und deren Fragen zu Deutschland ich so gut wie moeglich beantwortet habe.
Was diesen Ort von den anderen auf meiner Reise abhebt, ist seine Stille. Vom Zwitschern der Voegel abgesehen ist es hier fast totenstill, und selbst gehupt wird nur selten. Nach dem Trubel von Delhi und den vielen Touristen in Agra und Shimla geniesse ich das sehr. Die frueheren Bewohner werden schon gewusst haben, warum sie hier so viele Tempel errichtet haben. Diese daf man auch als Nicht-Hindu besuchen, nachdem man seine Schuhe draussen gelassen hat; nur manchmal ist das innere Heiligtum tabu. Fuer eine kleine Spende hat mir ein steinalter Guru vorhin sogar ein paar Rosinen geschenkt, die ich voller Vertrauen sogleich verputzt habe. Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt. Trotzdem tun mir all jene (westlichen) Reisenden leid, die hier nur zu PPP (Pizza, Pasta, Pancake) greifen.
Ihr seht, es gibt nicht viel Aufregendes zu berichten, und doch (oder gerade deshalb) bin ich froh, diesen kleinen Abstecher auf der Strecke zwischen Shimla und Manali hier eingelegt zu haben. Morgen frueh werde ich meine gemuetliche Mountain Lodge zuruecklassen und (mit frisch gewaschenen Klamotten) weiterziehen. Je nachdem, wie leicht ich in Manali einige andere Reisende fuer einen gemeinsamen Jeep begeistern kann, werde ich dann in den naechsten Tagen aufbrechen zu einer Zwei-Tages-Tour ueber den zweithoechsten Highway der Welt, von Manali nach Leh in der Region Ladakh.
Zum Schluss noch ein paar Worte zum krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich in diesem Land. Dieser tritt ueberall zu Tage, vor aber in den (von wohlhabenden Indern in Beschlag genommenen) Ferienorten hier in den Bergen. In vielen Gespraechen habe ich gelernt, dass die Schere zwischen neureicher Oberschicht und den Habenichtsen auf der Strasse immer weiter auseinandergeht. Vor diesem Hintergrund aeussern sich viele Inder enttaeuscht von der aktuellen Regierung, die doch von dem allseits als Wirtschaftsexperten anerkannten Manmohan Singh geleitet wird. Wenn ich nach den Ursachen frage, erhalte ich immer aehnliche Antworten - naemlich die florierende Korruption, aber auch den unvorstellbar schwierigen Drahtseilakt, ein Land mit unzaehligen Religionen, Sprachen und Kulturen auf demokratische Weise voranzubringen.
Die Forelle wartet, und vielleicht bekomme ich in dem kleinen Laden nebenan ja sogar ein, zwei Flaschen Kingfisher fuer einen entspannten Abend nachher auf dem Balkon. Hier die Fotos aus Naggar.
He du! Tolle Berichte: Top-Schreibstil und sehr interessanter Inhalt. Schreib weiter und reise weiterhin gut :-).
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