
Es ist noch frueh am Morgen, als ich mir erste Notizen zu diesem Eintrag mache. Ich warte: Auf den Bus nach Vientiane und meine Nudelsuppe zum Fruehstueck. Eine gute Gelegenheit also, ein paar Zeilen zu diesen beiden Themen zu schreiben. Ersteres macht es erforderlich, sich fruehzeitig von einem Tuk Tuk zur Busstation fahren zu lassen, um sich ein Ticket mit Sitzplatzgarantie zu sichern. Anschliessend heisst es warten, so wie ich jetzt hier. Tickets erhaelt man natuerlich auch kurz vor Abfahrt noch - dann allerdings ohne Sitzplatz, da jene laengst vergeben sind. Fuer alle Kurzentschlossenen und Langschlaefer werden kleine Plastikstuehle (oder eher: -hocker) im Mittelgang platziert, wo die Ungluecklichen die naechsten acht oder zehn Stunden ausharren und auch ohne Arm- und Rueckenlehne versuchen, etwas Schlaf zu finden. Was zumeist nur den wenigen gelingt, die sich nicht uebergeben muessen. Denn dieses Schicksal ereilt die allermeisten Laoten, sodass ein unerschoepflicher Vorrat an Plastiktueten notwendigerweise zur Grundausstattung eines jeden Busfahrers gehoert. Waehrend ich also die einmalige Berglandschaft geniesse und noch immer das intensive, saftige Hellgruen der unzaehligen Reisfelder bestaune, koennen sich die laotischen Passagiere nicht so recht an den engen Serpentinen erfreuen, die der vollbepackte und bereits in die Jahre gekommene Bus gemaechlich erklimmt sowie halsbrecherisch hinabbraust. Um keine Misverstaendnisse aufkommen zu lassen: Ein reines Vergnuegen ist eine solche Fahrt fuer niemanden, auch mich nicht. Zu oft baumelt der Kopf des direkt nebenan im Mittelgang schlafend Leidenden gegen meine Schulter, zu selten gelingt es der Klimaanlage, falls vorhanden, die Gerueche eines engen Busses zu zerstreuen, in dem weit mehr Menschen als vorgesehen eingepfercht ausharren und deren Mehrheit von Reisekrankheit geplagt wird. Und so vertreibe ich mir die Zeit mit etwas Musik, sofern mein iPod die nicht selten bis zum Anschlag aufdrehten thailaendischen Popsongs zu uebertoenen vermag, lese ein wenig in Paul Austers "Oracle Night", das ich in einem huebschen kleinen Second-Hand-Buchladen in Luang Prabang erstanden habe, und unterdruecke meinen Durst, unwissend, wann die naechste Toilettenpause auf freiem Feld eingeplant ist.
Nun zum ungleich angenehmeren Thema Nudelsuppen. Denn
pho (gesprochen: "foe") essen viele Laoten gerne schon zum Fruehstueck und auch sonst haeufig zwischendurch. Sie wird mit einer ordentlichen Portion duenner Nudeln und wahlweise einer Fleischeinlage mal mehr, mal weniger scharf in einem grossen Suppenteller serviert. Reichlich Salat, Bohnen, Chili und Kraeuter gibt es separat zum individuellen Verfeinern dazu. Pho wird mit Staebchen gegessen, was in der Region sonst eher eine Ausnahme ist - von Vietnam einmal abgesehen - und mit dem Loeffel geschluerft. Nahrhaft und sehr lecker, je nach individueller

Zugabe von zerkleinerten Chilischoten auch scharf und ziemlich salzig, nicht zuletzt wegen der wie ueblich grosszuegigen Portion Glutamat, vor der leider auch die Suppe nicht verschont bleibt. Wie eingangs erwaehnt habe ich mir die landesuebliche Gewohnheit zu eigen gemacht und esse inzwischen ebenfalls haeufig Nudelsuppe. Was jedoch, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, keineswegs mit einer mangelnden Vielfalt der laotischen Kueche zu tun hat. Ganz im Gegenteil (siehe Foto).
Denn gestern probierte ich zum ersten Mal im Leben ein Stueck Hundefleisch, das ich, um es gleich vorwegzunehmen, weder fuer besser noch fuer schlechter befand als anderes Fleisch auch. Einzig auf die aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten nicht naeher identifizierbaren Innereien, die mir die illustre Runde feiernder Laoten am Strassenrand anschliessend anbot, haette ich rueckblickend vielleicht verzichten koennen. Umso leckerer war der (wohl illegal gebrannte) LaoLao-Whisky, mit dem wir im Anschluss auf mein erstes Stueck Hund anstiessen. Ob Hund nun eine Delikatesse darstellt, wie ich irgendwo gelesen habe, oder ob rein aus Geldmangel am Monatsende einige der unzaehligen herumstreunenden Koeter geschlachtet werden, wie eine Australierin zu wissen angab, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Anderthalb Tage spaeter geht's mir jedenfalls noch immer gut.

Zugetragen hat sich die geschilderte Episode in Muang Khoun, der alten Hauptstadt der ostlaotischen Provinz Xieng Khouang, wo wir auf unserer Motorradtour vorgestern eine Pause einlegten. Wir, das sind Gen (Australien), Jia Hui (Singapur), Greg (Deutsch-Rumaene) und ich sowie zwei Motorraeder. Die Drei hatte ich am Sonntag waehrend der Busfahrt von Luang Prabang nach Phonsavan kennengelernt, wo wir zwei Naechte im "Nice Guesthouse" unterkamen, das seinem Namen tatsaechlich alle Ehre machte. Wie den meisten Besuchern diente Phonsavan auch uns als Ausgangspunkt einer Tour zur "Ebene der Tonkruege" (frz.: "Plaine des Jarres"), einem Plateau, auf dem sich Hunderte riesiger Steinkruege befinden, um deren noch immer ungeklaerte Herkunft sich zahlreiche Theorien ranken. Schoen war, dass es ausserhalb der Saison kaum weitere Besucher in Phonsavan und bei den Steinkruegen gab.

Dass die Staette bislang noch nicht als Weltkulturerbe anerkannt wurde, liegt vor allem daran, dass sie erst seit wenigen Jahren ueberhaupt fuer Besucher zugaenglich ist. Der Grund: Die extreme Belastung der Region durch UXO (Unexploded Ordnance), also Blindgaenger aus dem Vietnamkrieg. Erst zwischen 2004 und 2005 wurden einige Abschnitte des Plateaus von der Mines Advisory Group (MAG) geraeumt und als begehbar markiert.

Im MAG-Schulungszentrum, wo junge Laoten, darunter viele Frauen, in der Beseitigung von Blindgaengern ausgebildet werden, informierten wir uns ueber die dramatischen Ausmasse der Bombardierungen durch amerikanische Flugzeuge waehrend des Krieges, an deren Spaetfolgen Laos noch immer zu leiden hat. Monatlich ereignen sich bis zu 26 zumeist toedlich ausgehende Unfaelle, deren Opfer in den meisten Faellen Kinder der aermeren Landbevoelkerung sind. Denn so unfassbar es erscheinen mag: In einigen Regionen dieses Landes, das zu den aermsten in der Welt zaehlt, sichern sich bis zu 80% der Bevoelkerung ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln und den Verkauf von Bombenschrott. Darunter immer wieder nicht explodierte Clusterbomben, die in den Haenden der unwissenden Kinder detonieren. Aber was hat Laos mit dem Vietnamkrieg zu tun?, mag sich der eine oder andere an dieser Stelle fragen. Was ich selbst nicht wusste: Laos ist das pro Kopf am staerksten bombardierteste Land der Erde. Im sogenannten "Geheimen Krieg" warfen die Amerikaner hier mehr Bomben ab als im Zweiten Weltkrieg ueber Japan und Deutschland zusammen, um die Vietnamesen von ihren Nachschublieferungen ueber den Ho-Chi-Minh-Pfad abzuschneiden. Noch heute zeugen um Phonsavan unzaehlige Bombenkrater von den Ereignissen der juengeren Vergangenheit, und immer wieder stoesst man auf Bombenteile, die von den Laoten kreativ als Blumenbeete, Zaeune oder sogar Glocken verwendet werden. Wer mehr ueber die Arbeit der MAG erfahren moechte, sei auf deren Website
http://www.maginternational.org/laopdr verwiesen.

Die Provinz Xieng Khouang war ein interessanter Zwischenstop auf meiner Reise, fuer den sich zwei Tage im Bus auf jeden Fall gelohnt haben. Auch wegen einer besonderen Begegnung mit einem kleinen Jungen, der an uns vier eifrig sein vielversprechendes Englisch erprobte und von einem "gluecklichen Tag in seinem Leben" sprach, da er uns seine Heimatstadt zeigen duerfe. Was er denn auch begeistert und voller Stolz tat, ganz ohne danach um Geld zu bitten. Was in Laos im Vergleich zu anderen Laendern in aehnlicher wirtschaftlicher Situation ohnehin selten der Fall ist. Ihm verdanke ich uebrigens auch das eingangs erwaehnte, aussergewoehnliche kulinarische Highlight an jenem Tag.
Gestern Abend erreichte ich schliesslich Vientiane, wo ich, von Hunger und Muedigkeit geplagt, in einem eher zweckmaessigen, aber recht guenstigen und zentral gelegenen Gaestehaus unterkam. Ich bin sehr gespannt auf zwei bis drei Tage in der Hauptstadt, die mit ihren rund 400.000 Einwohnern schon auf den ersten Blick zwar groesser und belebter als beispielsweise Luang Prabang erscheint, im Vergleich zu Bangkok oder anderen suedostasiatischen Metropolen aber eher provinziell anmutet und laut Reisefuehrer und den Erzaehlungen anderer Traveller tatsaechlich das relaxte Flair des ganzen Landes widerspiegeln soll. Heute Abend weiss ich dann selbst mehr.
Die Fotos aus Phonsavan und Umgebung sind seit gestern online:
http://picasaweb.google.com/christoph.truebenbach/Phonsavan. Nun aber hinaus in die Sonne.
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