Es ist Mittwochabend, über eine Woche bin ich inzwischen hier. Zum Bloggen blieb bisher keine Zeit, aber heute Abend lasse ich es mal ruhig angehen und schreibe ein paar Zeilen aus dem Q Center in St. Charles, rund eine Stunde von Chicago entfernt. In diesem riesigen Schulungszentrum besuche ich noch bis Freitag die "Accenture Management Consulting University (AMCU)". Es handelt sich dabei um eine Schulung, die man als Mitarbeiter bei Accenture immer wieder durchläuft - gemeinsam mit Kollegen aus aller Welt und jeweils zugeschnitten auf das aktuelle Karrierelevel. In regelmäßig wechselnden Kleingruppen und im Plenum vermitteln ältere Kollegen (ebenfalls aus aller Welt), worauf es in der Managementberatung ankommt, und geben ihre Projekterfahrungen weiter. Mit manchen Inhalten war ich zwar schon vertraut, allein schon, weil mein Berufsstart anders als bei vielen Kollegen hier inzwischen 10 Monate zurückliegt und ich bereits im zweiten Projekt arbeite. Trotzdem lerne ich noch einiges dazu und habe nebenbei die Chance, wertvolle Kontakte zu knüpfen.
Kontakte knüpfen, interkultureller Austausch, die Gemeinschaft - diese Aspekte empfinde ich hier neben dem fachlichen Input als spannend und bereichernd. Zum Beispiel heute Abend: Vorhin war ich mit einer Türkin, einer Niederländerin und einem Ungar beim Abendessen, habe danach mit Iren und Briten Tischfußball gespielt und chatte jetzt nebenbei mit einer Inderin aus meiner Gruppe. Gestern habe ich mit einem Libanesen über den Konflikt im Nahen Osten diskutiert und anschließend mit einem (weißen) Südafrikaner über die psychologischen Folgen der Apartheid. Am Wochenende in Chicago schließlich habe ich mit einem Finnen und zwei (schwarzen) Südafrikanern das Hotelzimmer geteilt. Und das sind nur einige Beispiele, die mir spontan einfallen. Wie in der Vergangenheit wende ich mich auch hier bewusst nur selten an die anderen Deutschen und lasse mich lieber treiben auf diesem Spielplatz der Kulturen, setze mich beim Essen mal an einen Tisch mit noch unbekannten Gesichtern, geselle mich in einer Pause mal zu einer Gruppe von Kollegen, mit denen ich mich noch nicht ausgetauscht habe. An einem der letzten Abende habe ich mir mal die Zeit genommen, die Teilnehmerliste durchzugehen und möglichst alle neuen Bekanntschaften zu meinen Kontakten in Outlook und im firmeninternen Chat-Messenger hinzuzufügen. Bisher kam ich auf 50 bis 100 Kollegen, und natürlich ist mir klar, dass ich unmöglich mit allen in Kontakt bleiben kann. Aber wenn hier einige Freundschaften entstehen und diese zwei Wochen überdauern, ist das schon toll.
Wie sieht der Tag hier aus? Gewöhnlich arbeiten wir am Vor- und Nachmittag in Kleingruppen, manchmal auch im Plenum. Davor, dazwischen und danach gibt es jede Menge (leckeres und variantenreiches) Essen und kürzere Pausen zum Austausch sowieso. Am Abend (und bis in die Nacht) zieht es uns meistens in den Pub auf dem Gelände, zudem finden mehrmals pro Wochen Networking Events statt, mit kostenfreien Drinks und erneut der Chance, mit neuen Kollegen oder auch Mitgliedern der "Faculty" (Dozenten) ins Gespräch zu kommen. Kurzum, ich verbringe zwei enorm intensive Wochen hier, mit bereichernden Eindrücken, guten Gesprächen, wenig Schlaf, aber umso mehr Spaß.
Wie praktisch alle anderen auch habe ich das Wochenende in Chicago verbracht. In langen weißen Limousinen, die bis zu 10 Personen Platz bieten, fuhren wir am Freitagabend in die Stadt und am Sonntagnachmittag zurück nach St. Charles. Da am Samstagabend eine rauschende Party in einem Club auf dem Programm stand und ich nach der Erfahrung der ersten Woche morgens mal ausschlafen wollte, blieb am Ende nur wenig Zeit zum Sightseeing. Trotzdem habe ich mir zumindest von Downtown Chicago einen ersten (positiven) Eindruck verschafft - vor allem während einer 90-minütigen Bootsfahrt auf dem Chicago River, wo ich vor allem über die Architektur der Stadt einiges erfuhr. Einige Impressionen aus der Windy City habe ich in einem Album zusammengestellt.
Morgen Abend gibt es zum Abschluss der AMCU noch eine Party, ehe wir am Freitag gegen Mittag in Richtung Flughafen aufbrechen und uns in alle vier Winde verteilen - manche gleich wieder nach Hause, wo ihr jeweiliges Projekt auf sie wartet, andere zunächst in den Urlaub. Ich selbst lande gegen 19 Uhr Ortszeit in New York, wo ich das Wochenende verbringe und einen alten Freund aus Dubliner Tagen treffe. Am Montagmorgen nehme ich schließlich meinen Mietwagen in Empfang und starte in Richtung New England. Ich halte euch auf dem Laufenden.
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