July 15, 2012

Tibet in Indien

Ich verbringe den vierten entspannten Tag in Leh, 3.500 Meter ueber dem Meeresspiegel. Inwischen habe ich mich zwar akklimatisiert, trotzdem spuere ich die Hoehe noch immer, wenn ich die steilen Treppen der umliegenden Kloester erklimme oder nachts, wenn ich laenger als zuhause wachliege.

Und doch lasse ich es mir auf dieser letzten Etappe meiner Reise richtig gut gehen. Heute Morgen habe ich entspannt mit einem Deutschen, einem Hollaender und einen Neuseelaender auf dem Balkon gefruehstueckt. Auf dem Tisch standen schwarzer Tee mit Milch, frisch gebackenes Fladenbrot nach Kaschmir-Art und milder Huettenkaese, die wir in einer der verschlungenen Gassen hinter der Moschee fuer ein paar Rupien erstanden hatten, dazu Honig, Aprikosen-Marmelade und getrocknete Apfelringe von dem beliebten Oekoladen um die Ecke, wo man auch auf ein Glas frischen Saft oder Lassi vorbeischauen, gefiltertes Wasser nachfuellen und seine schmutzige Waesche guten Gewissens abgeben kann.

Die wenigen Sehenswuerdigkeiten der Stadt habe ich mir in den letzten Tagen angesehen - darunter einen halb verfallenen Palast am Berghang und eine relativ neue Stupa, die auf einem Huegel gegenueber der Stadt thront und einen fantastischen Ausblick bietet, wenn man nach ueber 500 Stufen keuchend oben angekommen ist. Gestern habe ich mich (zusammen mit gefuehlt 50 Indern) in einen winzigen klapprigen Bus gequetscht und einen Ausflug zum Kloster von Thikse unternommen, einem der architektonisch reizvollsten im Himalaya, das rund 20 Kilometer entfernt auf einem Berg im Indus-Tal erbaut wurde. Die Farbenpracht der diversen Tempel und Gebetshallen dort (sowie in einem kleineren Kloster, wo ich anschliessend einen Abstecher eingelegt habe), sind schwer in Worte zu fassen, deshalb lasse ich lieber die Fotos dieses Tagesausflugs fuer sich sprechen.

Meinen urspruenglichen Plan, via Kaschmir per Bus nach Delhi zurueckzufahren, habe ich uebrigens aufgegeben. Auch wenn Touristen in jener Region in den letzten Jahren nichts mehr passiert ist, kommt es dort immer wieder zu gewalttaetigen Ausschreitungen von Separatisten und Scharmuetzeln zwischen der indischen und pakistanischen Armee. So gerne ich mir das Kaschmir-Tal angesehen haette - es blieb doch ein flaues Bauchgefuehl zurueck, zudem war meine bisherige Route so ambitioniert, dass mir ein paar Tage Entspannung hier im beschaulichen Leh ganz gut tun.

Stichwort "ein paar Tage": Unter den Reisenden hier gehoere ich mit meinen insgesamt drei Wochen in Indien ganz klar zu denjenigen, die (zu) wenig Zeit mitbringen. Viele sind mehrere Monate, wenn nicht sogar weit ueber ein Jahr, in diesem Land unterwegs, bereisen verschiedene Regionen und verbringen jetzt im Sommer alleine mehrere Wochen hier oben in Leh, das als Ausgangspunkt fuer unzaehlige Trekking-Routen durch atemberaubende Landschaften dient. Viele Gespraeche auf der Strasse oder in den Gaestehaeusern drehen sich folglich auch darum, wo man billig ein Zelt kaufen kann, welche Ausruestung fuer einen 6.000er erforderlich ist oder welche Landkarten man dabei haben sollte, wenn man auf eigene Faust loszieht. Und natuerlich gibt es gerade hier viele Hippies und Haengengebliebene, und das Cannabis-Aroma ist gerade abends allgegenwaertig.

An interessanten Begegnungen und angeregten Diskussionen ueber das Reisen, das Leben zuhause oder auch die tibetische Kultur mangelt es mir hier oben bestimmt nicht, obwohl ich mich gerade ueber Tibet zunaechst genauer informieren muesste, um wirklich mitreden zu koennen. Dass die tibetische Kueche ausgesprochen lecker und vielseitig ist, kann ich aber gluecklicherweise auch ohne Vorwissen beurteilen.

Dies wird wohl mein letzter Beitrag aus Leh, da ich ab morgen frueh selbst zu einer kleinen Trekking-Tour aufbrechen werde. Zusammen mit zwei Franzosen und einem Guide werden wir ein Tal in der Umgebung entlangwandern und nachts in sogenannten "Home Stays" bei oertlichen Familien unterkommen. Ich bin froh, dass ich in Anbetracht meines kurzen Aufenthaltes hier zumindest eine kleine Tour auf die Beine stellen konnte, denn die Landschaft von Ladakh, zwischen fruchtbar gruenen Taelern, kargem Wuestengebirge und der Kulisse von schneebedeckten 6.000ern im Hintergrund, ist in der Tat einmalig.

Die kommenden drei Tage werde ich also draussen sein, Donnerstagmorgen fliege ich schliesslich nach Delhi zurueck. Von dort werde ich mich noch mal melden und mich vielleicht schon an ein erstes Fazit dieser Reise wagen. Zum Schluss noch die Fotos aus Leh selbst.

July 12, 2012

500 Kilometer und knapp 30 Stunden auf dem Mond

"Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt."

So noch meine Worte vor einigen Tagen in Naggar. Inzwischen hat es mich erwischt - zwar nicht schlimm, aber ich esse mehr Bananen als sonst (und einige Tabletten) und achte darauf, ein einigermassen passables Klo in der Naehe zu haben. Mittlerweile geht's mir aber schon deutlich besser, nachdem ich mich in meiner ersten Nacht hier in Leh erst einmal ausgeschlafen habe.

Heftige Magenkraempfe haben mich allerdings gestern geplagt, am zweiten Tag auf dem (angeblich) zweithoechsten Highway der Welt, der uns in einem erstaunlich widerstandsfaehigen Bus von Manali nach Leh in der noerdlichsten Provinz Ladakh schleppte. Ich bin also im (ruhigen) Osten der Provinz Jammu und Kashmir angekommen, nicht weit von der Grenze zu Tibet entfernt, und tatsaechlich ist der tibetische Einfluss in diesem huebschen, kleinen, staubigen Gebirgsort allgegenwaertig: Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind, tibetische Moenche (nicht selten mit Sonnenbrille und iPhone) schlendern ueber die Basare, auf vielen Speisekarten stehen Thukpa (Nudelsuppe) und Momos. Ueber Leh werde ich noch etwas ausfuehrlicher schreiben, wenn ich mich angesichts der immer noch 3.500 Hoehenmeter ein wenig akklimatisiert und eines der umliegenden buddhistischen Kloester besucht habe.

Mein Magen hat allerdings wohl kaum wegen des Essen rebelliert als vielmehr wegen der ueber weite Strecken katastrophalen Beschaffenheit des "Highways" und des damit verbundenen Nervenkitzels, der die knapp 500 Kilometer und gut 25 Stunden reine Fahrtzeit begleitet hat. Ihr koennt euch vorstellen, dass wir nicht schlecht gekeucht haben, als wir am spaeten Nachmittag des zweiten Tages endlich den letzten und hoechsten Pass in 5.328m Hoehe erklommen hatten. Spaetestens dort war ich unter den "Patienten" im Bus in guter Gesellschaft. (Nebenbei bemerkt ist Klopapier hier oben unverschaemt teuer.) Die Fotos von der Strecke, die ich aus dem offenen Fenster heraus oder waehrend der Zwischenstopps geschossen habe, verdeutlichen vielleicht, wovon ich spreche, vermitteln aber hoffentlich auch einen Eindruck von der unwirklichen Schoenheit dieser Mondlandschaft, durch die ich zusammen mit Indern, Franzosen, Deutschen, Oesterreichern, Schotten, Australiern und anderen geruckelt bin.

Aufgebrochen waren wir vorgestern Morgen in der Stadt Manali, die ihrem Ruf als touristischem Zentrum des Bundesstaates Himachal Pradesh alle Ehre macht. Viele Inder entfliehen der Hitze Delhis, Rajasthans oder Punjabs und verbringen hier ihre Flitterwochen, und unweit der Bauernhoefe des alten Dorfkerns reihen sich Backpacker- und Internet-Cafes aneinander, auf deren Speisekarten Pizza-Pasta-Pancake leider  allzu oft traditionelle indische Gerichte verdraengen. Interessant: Die mit Abstand haeufigsten Nationalitaeten, die mir dort begegnet sind, waren Israelis und Koreaner. (Offenbar wird Manali in deren Reisefuehrern noch einladender beschrieben als in Lonely Planet und Stefan Loose.) Zwar hatte ich noch insofern Glueck, als ich mich in einem abseits gelegenen Guesthouse mit Balkon einquartiert und dort am Abend ein interessantes Gespraech mit einer Chinesin gefuehrt habe. Doch war ein Tag fuer die Sehenswuerdigkeiten und einen Bummel ueber den Basar dann auch genug. Was mir in Manali vor die Linse gekommen ist, seht ihr hier.

Wie geht's weiter? Ich bin noch etwas unentschlossen. Etwas mehr als eine Woche verbleibt mir, ehe ich irgendwie (d.h. per Bus und Zug oder Flugzeug) nach Delhi zurueckkehren muss. Vielleicht werde ich mehrere Tage hier in Leh entspannen, einige Ausfluege in die naehere Umgebung unternehmen, etwas Trekking machen und schliesslich direkt nach Delhi zurueckfliegen. Andererseits reizt mich die andere der beiden Routen, ueber die Leh auf dem Landweg mit dem restlichen Subkontinent verbunden ist: naemlich die Strecke durch das muslimisch gepraegte Kaschmir-Tal an der Grenze zu Pakistan, via der beiden Staedte Srinagar und Jammu. Aus mehreren Quellen habe ich erfahren, dass Touristen hier seit Mitte der 1990er-Jahre nichts mehr passiert und die Sicherheitslage aktuell entspannt ist. Ein mulmiges Gefuehl bleibt aber, und so muss ich dieses (zurzeit wohl eher geringe) Risiko gegen die unbeschreibliche Schoenheit abwaegen, die man dieser fruchtbaren, gruenen Region nachsagt.

So oder so werde ich mich in den naechsten Tagen noch mal mit einem Update aus Leh melden, dem wohl noerdlichsten Abstecher meiner Reise.

July 08, 2012

Relaxen in Naggar

Entspannter als heute geht eigentlich nicht. Ich melde mich aus Naggar, einem verschlafenen Gebirgsdorf im Kullu-Tal, das frueher offenbar sogar Hauptstadt der Gegend war. Ausserdem hat sich im Jahr 1929 der russische Kuenstler, Schriftsteller, Philosoph, Archaeologe, Forscher und Mystiker Nicholas Roerich hoch oben ueber dem Dorf zur Ruhe gesetzt, was den Ruhm dieser Enklave noch mal gesteigert hat. Dessen Anwesen, in dem sich heute eine Galerie mit einigen seiner Werke befindet, habe ich mir vorhin angesehen. Ansonsten zieren einige winzige Tempel die Landschaft, und das kleine Schloss an einem Steilhang, das als Palast, koloniales Herrenhaus, Gerichtsgebaeude und Schule gedient hat, beherbergt heute ein ziemlich schickes Hotel.


Zu Mittag gab's tibetische Nudelsuppe und Momos (gefuellte Teigtaschen), nachher werde ich mir eine frisch gefangene Forelle goennen, eine Spezialitaet dieser Gegend. Nebenbei habe ich "A Passage to India" von E.M. Forster angefangen, stelle aber fest, dass ich mir hier eher wenig Zeit zum Lesen nehme. Beim Chai kam ich vorhin mit einem israelischen Paar ins Gespraech, die mir von ihrem Leben im Kibbuz erzaehlt haben und deren Fragen zu Deutschland ich so gut wie moeglich beantwortet habe.

Was diesen Ort von den anderen auf meiner Reise abhebt, ist seine Stille. Vom Zwitschern der Voegel abgesehen ist es hier fast totenstill, und selbst gehupt wird nur selten. Nach dem Trubel von Delhi und den vielen Touristen in Agra und Shimla geniesse ich das sehr. Die frueheren Bewohner werden schon gewusst haben, warum sie hier so viele Tempel errichtet haben. Diese daf man auch als Nicht-Hindu besuchen, nachdem man seine Schuhe draussen gelassen hat; nur manchmal ist das innere Heiligtum tabu. Fuer eine kleine Spende hat mir ein steinalter Guru vorhin sogar ein paar Rosinen geschenkt, die ich voller Vertrauen sogleich verputzt habe. Ohnehin esse und trinke ich immer entspannter und bilde mir ein, inzwischen relativ gut abschaetzen zu koennen, wo ich zugreifen kann und wovon ich besser die Finger lasse. Kann natuerlich sein, dass es mich auch noch erwischt. Trotzdem tun mir all jene (westlichen) Reisenden leid, die hier nur zu PPP (Pizza, Pasta, Pancake) greifen.

Ihr seht, es gibt nicht viel Aufregendes zu berichten, und doch (oder gerade deshalb) bin ich froh, diesen kleinen Abstecher auf der Strecke zwischen Shimla und Manali hier eingelegt zu haben. Morgen frueh werde ich meine gemuetliche Mountain Lodge zuruecklassen und (mit frisch gewaschenen Klamotten) weiterziehen. Je nachdem, wie leicht ich in Manali einige andere Reisende fuer einen gemeinsamen Jeep begeistern kann, werde ich dann in den naechsten Tagen aufbrechen zu einer Zwei-Tages-Tour ueber den zweithoechsten Highway der Welt, von Manali nach Leh in der Region Ladakh.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich in diesem Land. Dieser tritt ueberall zu Tage, vor aber in den (von wohlhabenden Indern in Beschlag genommenen) Ferienorten hier in den Bergen. In vielen Gespraechen habe ich gelernt, dass die Schere zwischen neureicher Oberschicht und den Habenichtsen auf der Strasse immer weiter auseinandergeht. Vor diesem Hintergrund aeussern sich viele Inder enttaeuscht von der aktuellen Regierung, die doch von dem allseits als Wirtschaftsexperten anerkannten Manmohan Singh geleitet wird. Wenn ich nach den Ursachen frage, erhalte ich immer aehnliche Antworten - naemlich die florierende Korruption, aber auch den unvorstellbar schwierigen Drahtseilakt, ein Land mit unzaehligen Religionen, Sprachen und Kulturen auf demokratische Weise voranzubringen.

Die Forelle wartet, und vielleicht bekomme ich in dem kleinen Laden nebenan ja sogar ein, zwei Flaschen Kingfisher fuer einen entspannten Abend nachher auf dem Balkon. Hier die Fotos aus Naggar.

July 06, 2012

On the Toy Train

Fast fuehle ich mich wie ein Filmstar. Mir ist zwar (noch) keine Rolle in einem Bollywood-Schinken angeboten worden, allerdings wurde ich inzwischen wohl in schaetzungsweise 100 Digitalkameras und Handys aus allen Teilen dieser riesigen Nation verewigt. Gerade die Begegnungen mit inlaendischen Touristen aus Gegegenden, die selbst wenig westlichen Tourismus erleben, bringen es meistens mit sich, dass ich frueher oder spaeter mit allen Familienmitgliedern fuer's Erinnerungsfoto posiere (siehe rechts). Ich mache das gerne und freue mich jedes Mal, wenn ich mit Einheimischen ins Gespraech komme. Und da zurzeit nicht eben Hauptsaison fuer Indien-Reisen ist (siehe meine Ausfuehrungen zur Hitze im vorherigen Beitrag), habe ich hier wesentlich mehr Kontakt mit Einheimischen als mit anderen (westlichen) Reisenden. Und doch, als Tourist zur Touristenattraktion zu werden - das ist schon amuesant. Hier uebrigens die drei beliebtesten Fragen, die ich unzaehlige Male taeglich beantworten muss, in absteigender Haeufigkeit:
  1. Where are you from? (Antwort: I'm from Germany.)
  2. Are you travelling alone? (Antwort: Yes.)
  3. Are you not married? (Antwort: No, not yet.) 

Das loest dann meistens Erstaunen aus, und nicht selten ergibt sich daraus ein interessantes Gespraech. Die Neugierde und das Interesse, aber auch das oft beachtliche Vorwissen der Menschen hier beeindrucken mich sehr.

Ich schreibe uebrigens aus einem kaum zwei Meter breiten Internetcafe in der Fussgaengerzone von Shimla, der Hauptstadt des noerdlichen Bundesstaat Himachal Pradesh. Shimla ist ueber mehrere Ebenen verteilt am Hang gelegen und diente lange Jahre der britischen Besatzungsmacht als Sommerresidenz. Heute scheint die Stadt ein beliebter Ausflugs- und Urlaubsort fuer die von der Hitze geplagten Inder aus dem nahen Bundesstaat Punjab oder der Hauptstadt Delhi zu sein, jedenfalls fuer diejenigen, die sich die etwas hoeheren Preise hier oben leisten koennen. Den ganzen Tag ueber flanieren unzaehlige Familien ueber die "Mall", die zentrale Fussgaengerzone (siehe links). Und da ich die wenigen Sehenswuerdigkeiten der Stadt heute schon erkundet habe, werde ich morgen frueh einen Bus weiter in Richtung Norden nehmen: Auf dem Weg nach Manali habe ich ein, zwei Tage Zwischenstopp im Gebirgsort Naggar eingeplant.


Nach Shimla kam ich gestern wie schon erwaehnt mit dem legendaeren Toy Train (siehe letzter Beitrag) - ein unvergessliches Erlebnis und wohl bisheriges Highlight dieser Reise. Nicht fuenf bis sieben (Angabe im Reisefuehrer), sondern gut acht Stunden ruckelten wir in dieser winzigen Bimmelbahn unzaehlige eingleisige Serpentinen entlang durch die ersten Auslaeufer des Himalayas - die Fenster und Tueren offen, die Temperaturen zunehmend angenehm, die Sitzbaenke eng und hart, die Stimmung im Waggon aber umso ausgelassener.

Immer wieder hielten wir an winzingen Bahnhoefen, um entgegenkommende Zuege durchzulassen und uns bei den fliegenden Haendlern mit scharfem Knabberzeug und frisch gekochtem Chai einzudecken. Wer mich kennt, wuerde jetzt davon ausgehen, dass ich mir die Zeit mit Lesen vertrieben haette. Fehlanzeige, denn mit den Familien rings um mich herum, darunter Hindis, Sikhs und Muslime, ging mir der Gespraechsstoff auf der ganzen Fahrt nicht aus: Religion, Politik und Wirtschaft, Ehe und Familie, Moralvorstellungen, Kueche, Schule oder Studium - als wir lange nach Einbruch der Dunkelheit endlich mit lautem Getoese in Shimla eintrudelten, hatte ich einiges ueber dieses Land gelernt ... und wohl auch das eine oder andere Vorurteil ueber Deutschland und die Deutschen widerlegt.

Ich bin also in den Bergen angekommen - und sollte trotzdem noch ein paar Worte ueber meinen eintaegigen Abstecher nach Agra verlieren. Denn am Taj Mahal ist es mir aehnlich ergangen wie damals bei den Tempeln von Angkor Wat in Kambodscha: Ich staunte nicht schlecht, und die anfaengliche Skepsis, ob die Anzahl der Besucher an sich schon ein Qualitaetskriterium fuer eine Sehenswuerdigkeit ist, wich schnell der Faszination fuer dieses magische Bauwerk. Keine Frage, Agra uebertrifft Delhi noch mal deutlich in punkto Temperatur, und die Hitze war an diesem Tag fast unertraeglich, aber der Ausflug hat sich natuerlich trotzdem gelohnt. (Dass ich dank meiner beiden deutschen Reisebekanntschaften zumindest noch einige Stunden in einem Zimmer mit Klimaanlage schlafen konnte, hatte ich ja in meinem letzten Beitrag schon erwaehnt.)

Da das Internetcafe gleich schliesst, muss ich fuer heute zum Ende kommen. Abschliessend sei noch erwaehnt, dass ich (wie zuvor erhofft) auch in kulinarischer Hinsicht voll auf meine Kosten komme (siehe rechts). Zum Schluss noch die Links zu meinen Fotos aus Delhi, Agra, aus dem Toy Train und aus Shimla, die ich inzwischen hochgeladen habe.

July 04, 2012

Sommerhitze in Delhi



Dass mich Delhi im Juli heiss empfangen wuerde, hatte ich erwartet, aber auf solch unbarmherzige Temperaturen jenseits der 40 Grad war ich nicht gefasst. Duschen hilft einige Minuten, wenn ich mich nass unter den Ventilator oder vor die Klimaanlage stelle (falls es im Zimmer denn eine gibt). Ansonsten brennt die Sonne durch den Smog, der dickfluessig ueber der Stadt wabert, und laesst die vielen Gerueche (Garkuechen, Chai, Gewuerze und Fruechte ebenso wie Abgase, Menschen, Abfall und Urin) noch intensiver erscheinen. T-Shirt und Hose kleben am Koerper, Sonnenbrille und Kamera sind verschmiert, die Muetze durchweicht. Wasser in Flaschen gibt es an jeder Ecke, ich habe laengst aufgehoert, die Liter zu zaehlen. Wahrscheinlich komme ich im Vergleich zu anderen noch ganz gut mit Extremtemperaturen klar, doch selbst viele Inder erzaehlen mir, dass dies der heisseste Sommer seit Jahren sei. Die Regenzeit verspaetet sich auch.

Dass sich dieser Ueberlebenskampf auf meine Lust am Sightseeing auswirkt, ist unvermeidbar, und es waere gelogen, wuerde ich etwas anderes behaupten. Wie die meisten anderen Reisenden werde ich meine Route so schnell wie moeglich nach Norden ausrichten und auf (ansonsten sicher reizvolle) Staedte Rajasthans wie Jaipur und Udaipur notgedrungen verzichten. Denn dort ist es noch heisser als in der Hauptstadt. Stattdessen werde ich morgen in den fruehen Morgenstunden einen Zug nach Kalka im Bundesstaat Haryana nehmen und am Tag danach von dort aus mit dem legendaeren Toy Train weiterreisen nach Shimla im Bundesstaat Himachal Pradesh. Ob ich anschliessend dem Dalai Lama in seinem Exil in Dharamsala einen Besuch abstatten werde, oder wohin es mich im hohen Norden sonst noch verschlaegt, wird sich zeigen. Kuehler ist es dort oben auf jeden Fall.

Trotzdem habe ich mich seit meiner Ankunft am fruehen Sonntagmorgen nicht in klimatisierten Hostel-Zimmern versteckt, sondern die verschiedenen Viertel Delhis ausgiebig per Auto-Rikscha, zu Fuss oder sogar mithilfe der vergleichsweise modernen Metro erkundet. Zum Verkehr, zumal dem Zugfahren, schreibe ich ein anderes Mal mehr, aber was das Chaos (sprich: den alltaeglichen Wahnsinn) auf den Strassen angeht, so steht Delhi anderen asiatischen Metropolen wie Bangkok, Saigon oder Hanoi hier in nichts nach: Autos, Busse, Auto- und Fahrrad-Rikschas kreuzen ohne erkennbare Regeln nach Herzenslust und unter lautem Gehupe, Inder mit Obstkarren werden genauso wie Reisende mit Backpack und vereinzelten Kuehen elegant umkurvt.

Die vermeintlichen Sightseeing-Klassiker, wie das Rote Fort oder die Jama Masjid, immerhin die groesste Moschee Indiens und eine der groessten der Welt, haben mich optisch eher enttaeuscht, gerade im Vergleich zu frueheren Reisen. Umso herzlicher verlaufen indes die meisten Begegnungen mit den Menschen, die ich als neugierig und offen erlebe. Sich vor Schleppern und Strassenhaendlern zu befreien, ohne dabei unhoeflich aufzutreten, war mir in Suedostasien darueber hinaus oft schwerer gefallen.

Gestern Nachmittag habe ich einen Zug nach Agra genommen, wo ich mir heute das Taj Mahal ansehen werde. Vielleicht bleibe ich bis zum Sonnenuntergang, um die Farbenpracht auf der Fassade des Mausoleums zu betrachten. Meinen urspruenglichen Plan, den kurzen Fussweg vom Hostel zum westlichen Tor schon vor dem Sonnenaufgang gegen 5:30 Uhr zurueckzulegen, musste ich allerdings aufgeben, nachdem ich mich in meinem Zimmer ohne Klimaanlage bis 2 Uhr morgens schlaflos hin- und hergedreht hatte und schliesslich bei zwei deutschen Maedels (mit Klimaanlage) um Unterschlupf bitten musste, um ueberhaupt noch ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Von meinen Eindruecken am Taj Mahal werde ich naechstes Mal berichten, dann wahrscheinlich schon aus dem hohen Norden. Einen Upload all meiner Fotos aus Delhi laesst dieser Schuppen (sprich: Internetcafe) im Gassengewirr von Agra nicht zu, deshalb reiche ich sie beim naechsten Mal nach. Namaste!