Ich verbringe den vierten entspannten Tag in Leh, 3.500 Meter ueber dem Meeresspiegel. Inwischen habe ich mich zwar akklimatisiert, trotzdem spuere ich die Hoehe noch immer, wenn ich die steilen Treppen der umliegenden Kloester erklimme oder nachts, wenn ich laenger als zuhause wachliege.
Und doch lasse ich es mir auf dieser letzten Etappe meiner Reise richtig gut gehen. Heute Morgen habe ich entspannt mit einem Deutschen, einem Hollaender und einen Neuseelaender auf dem Balkon gefruehstueckt. Auf dem Tisch standen schwarzer Tee mit Milch, frisch gebackenes Fladenbrot nach Kaschmir-Art und milder Huettenkaese, die wir in einer der verschlungenen Gassen hinter der Moschee fuer ein paar Rupien erstanden hatten, dazu Honig, Aprikosen-Marmelade und getrocknete Apfelringe von dem beliebten Oekoladen um die Ecke, wo man auch auf ein Glas frischen Saft oder Lassi vorbeischauen, gefiltertes Wasser nachfuellen und seine schmutzige Waesche guten Gewissens abgeben kann.
Die wenigen Sehenswuerdigkeiten der Stadt habe ich mir in den letzten Tagen angesehen - darunter einen halb verfallenen Palast am Berghang und eine relativ neue Stupa, die auf einem Huegel gegenueber der Stadt thront und einen fantastischen Ausblick bietet, wenn man nach ueber 500 Stufen keuchend oben angekommen ist. Gestern habe ich mich (zusammen mit gefuehlt 50 Indern) in einen winzigen klapprigen Bus gequetscht und einen Ausflug zum Kloster von Thikse unternommen, einem der architektonisch reizvollsten im Himalaya, das rund 20 Kilometer entfernt auf einem Berg im Indus-Tal erbaut wurde. Die Farbenpracht der diversen Tempel und Gebetshallen dort (sowie in einem kleineren Kloster, wo ich anschliessend einen Abstecher eingelegt habe), sind schwer in Worte zu fassen, deshalb lasse ich lieber die Fotos dieses Tagesausflugs fuer sich sprechen.
Meinen urspruenglichen Plan, via Kaschmir per Bus nach Delhi zurueckzufahren, habe ich uebrigens aufgegeben. Auch wenn Touristen in jener Region in den letzten Jahren nichts mehr passiert ist, kommt es dort immer wieder zu gewalttaetigen Ausschreitungen von Separatisten und Scharmuetzeln zwischen der indischen und pakistanischen Armee. So gerne ich mir das Kaschmir-Tal angesehen haette - es blieb doch ein flaues Bauchgefuehl zurueck, zudem war meine bisherige Route so ambitioniert, dass mir ein paar Tage Entspannung hier im beschaulichen Leh ganz gut tun.
Stichwort "ein paar Tage": Unter den Reisenden hier gehoere ich mit meinen insgesamt drei Wochen in Indien ganz klar zu denjenigen, die (zu) wenig Zeit mitbringen. Viele sind mehrere Monate, wenn nicht sogar weit ueber ein Jahr, in diesem Land unterwegs, bereisen verschiedene Regionen und verbringen jetzt im Sommer alleine mehrere Wochen hier oben in Leh, das als Ausgangspunkt fuer unzaehlige Trekking-Routen durch atemberaubende Landschaften dient. Viele Gespraeche auf der Strasse oder in den Gaestehaeusern drehen sich folglich auch darum, wo man billig ein Zelt kaufen kann, welche Ausruestung fuer einen 6.000er erforderlich ist oder welche Landkarten man dabei haben sollte, wenn man auf eigene Faust loszieht. Und natuerlich gibt es gerade hier viele Hippies und Haengengebliebene, und das Cannabis-Aroma ist gerade abends allgegenwaertig.
An interessanten Begegnungen und angeregten Diskussionen ueber das Reisen, das Leben zuhause oder auch die tibetische Kultur mangelt es mir hier oben bestimmt nicht, obwohl ich mich gerade ueber Tibet zunaechst genauer informieren muesste, um wirklich mitreden zu koennen. Dass die tibetische Kueche ausgesprochen lecker und vielseitig ist, kann ich aber gluecklicherweise auch ohne Vorwissen beurteilen.
Dies wird wohl mein letzter Beitrag aus Leh, da ich ab morgen frueh selbst zu einer kleinen Trekking-Tour aufbrechen werde. Zusammen mit zwei Franzosen und einem Guide werden wir ein Tal in der Umgebung entlangwandern und nachts in sogenannten "Home Stays" bei oertlichen Familien unterkommen. Ich bin froh, dass ich in Anbetracht meines kurzen Aufenthaltes hier zumindest eine kleine Tour auf die Beine stellen konnte, denn die Landschaft von Ladakh, zwischen fruchtbar gruenen Taelern, kargem Wuestengebirge und der Kulisse von schneebedeckten 6.000ern im Hintergrund, ist in der Tat einmalig.
Die kommenden drei Tage werde ich also draussen sein, Donnerstagmorgen fliege ich schliesslich nach Delhi zurueck. Von dort werde ich mich noch mal melden und mich vielleicht schon an ein erstes Fazit dieser Reise wagen. Zum Schluss noch die Fotos aus Leh selbst.
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